Sonntag, 19. Oktober 2014

Das Theater scheint ein Ausweg zu sein

Nach Caesar haben Nachwuchsregisseur Danijel Szeredy und sein Team ein weiteres Projekt auf die Beine gestellt: Try – Bukowski – Versucht ehrt einen Schriftsteller, dessen Lebensinhalt von Leidenschaft, Exzess und Wut geprägt war.

Dieses Mal jedoch befinden wir uns nicht im muffeligen Keller der Kleinen Künste, sondern im Rationaltheater. Die roten Wände, die Plüschsessel, die Bar aus dunklem Holz, diese Mischung aus Kaschemme, Puff und Salon, das ist es, was die Atmosphäre realistisch macht. Und wenn er, der große Charles Bukowski, damals nach München gekommen wäre, dann hätte er wohl hier seine Lesung gehalten. Er wählte aber Hamburg als Ort des Geschehens, 1978 trat er im Zuge seiner Ochsentour in der restlos ausverkauften Markthalle auf und begeisterte tausende Menschen mit seinen Gedichten.

Charles “Hank” Bukowski war vor allem eines: eine destruktive Persönlichkeit. Alkohol, zahlreiche gescheiterte Beziehungen und sein weitreichender Welthass machten ihn zum enfant terrible der Schriftstellerszene. Noch nach seinem Tod ließ er seinem Zynismus freien Lauf: DON’T TRY steht auf seinem Grabstein. Versuch’s nicht erst.
Foto: Laura Spes
Das Team um Szeredy versucht es trotzdem. 36 Jahre später, mit wenig Mitteln, viel Talent und flaschenweise Weißwein. Aus Tagbuchschnipseln, Videoaufzeichnungen, Prosafragmenten und Selbstgeschriebenem bastelt es das Portrait eines Künstlers, der immer auf der Suche war. So wie die Theaterschaffenden selbst offenbar auch; “in seinen Texten gibt es Momente der Wiedererkennung, die uns faszinieren; sie skizzieren ein Grundgefühl von ambivalenter Einsamkeit und Heimatlosigkeit, mit dem wir uns zu großen Teilen und in hohem Maße identifizieren können.”, heißt es im Programmheft.

Und so suchen sie, in Paris, in Andernach, in Hamburg und Kalifornien und nehmen den Zuschauer mit auf einen mit traurigen Klavierklängen untermalten und schwer alkoholumnebelten Trip. Man verliert sich leicht in der Romantik des Schriftstellerdaseins. Es hat was, dieses Bukowski-Leben. Die aus der Verzweiflung geborene Lust am Schreiben, das Lotterleben mit den Ladies, der Hass, der Rausch.

I was drawn to all the wrong things: I liked to drink, I was lazy, I didn’t have a god, politics, ideas, ideals. I was settled into nothingness; a kind of non-being, and I accepted it. I didn’t make for an interesting person. I didn’t want to be interesting, it was too hard. What I really wanted was only a soft, hazy space to live in, and to be left alone.

Nothingness – was für ein akkurates Wort. Identifikationspotential für unsere verlorene Generation hat es eindeutig. Deswegen sympathisiert man auch stark mit diesem abgefuckten, fremdgehenden Chauvinisten, der er ist. So lange, bis ein Videomitschnitt eingespielt wird, der Bukowski und seine große Liebe Linda Lee zeigt. Also den echten, wahren, großporigen Charles Bukoswski. Von Liebe ist da nicht viel zu spüren, er tritt, beschimpft und verhöhnt die zarte Frau neben ihm, sein Gesicht rötet sich vor Wut. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Hinfällig ist der romantisch verklärte Postpessimismus, vergessen die Sympathie. Es bleibt das verzerrte Bild des selbsternannten Dirty Old Man, welcher alles Leben um sich herum verachtet. Und die Erinnerung an fünf exzellente Schauspieler, die professionell mit ihren Rollen jonglieren. Fast dokumentarisch anmutende schnelle Szenenwechsel, panisch echt wirkende Wutanfälle, lautes Flaschenklirren; es fügt sich alles zu einem Kunstwerk zusammen. Es ist keine Huldigung, keine Karikatur des Ausnahmepoeten Bukowskis, sondern mehr eine feinsinnige Interpretation des vorhandenen Materials.

Diese Inszenierung ist wie der Wein, den Bukowski so liebte: zu viel davon würde Kopfschmerzen verursachen. Nach diesem zweistündigen Abend verlässt man das Theater aber allenfalls mit einem angenehmen Schwips. Gratulation zu einem äußerst gelungenen Stück.

Mit: William Newton, Lev Semenov, Isabel Will, Naima Laube und Danijel Szeredy

Weitere Vorstellungen am 29.10., 30.10., 12.11., 13.11., 14.11.2014 jeweils um 20 Uhr. 16/8 Euro
Im Rationaltheater
Hesseloherstraße 18
80802 München

Reservierungen unter: bukowski@rationaltheater.de

Freitag, 17. Oktober 2014

Ich bin der Neue

Sein Lebenslauf liest sich so, wie sein Name für deutsche Ohren klingt: außergewöhnlich. Jisroel Iftach Wilbuschewitz, oder Jeff Wilbusch, wie er sich nennt, ist seit der neuen Spielzeit fest an den Münchner Kammerspielen angestellt – und das noch vor seinem Abschluss an der Otto-Falckenberg-Schule. Das Ausnahmetalent aus Israel erzählt im Interview, auf welchen Umwegen es ihn an die Kammerspiele verschlagen hat und wieso kontroverse Themen auf die Bühne gehören.

© Janine Guldener
Du hast zunächst Wirtschaftswissenschaften in den Niederlanden studiert. Wie kam es dazu?

Meine Mutter wurde in Holland geboren, deshalb lag das nahe. Außerdem hat es mich interessiert, wie Geld ‚funktioniert‘, und in welchem Verhältnis dazu das Glück steht. Das wurde auch das Thema meiner Abschlussarbeit. Mir war zwar schon im zweiten Semester klar, dass aus mir definitiv kein Investmentbanker wird, aber es war mir wichtig, das Studium zu Ende zu bringen. Und ich bin froh, das durchgezogen zu haben, ich hab‘ viel daraus gelernt.

Hattest du vorher schon Avancen, Schauspieler zu werden?

Nein, gar nicht. Ich war auch eher selten im Theater. Ich hab‘ viel Musik gemacht während meiner Schulzeit (The Jeff Project, Anm. d. R.), irgendwann kam dann jemand auf die Idee, dass ich mal zum Vorsprechen gehen sollte. In Israel wurde ich an einer Schauspielschule angenommen, noch während ich parallel meine Masterarbeit geschrieben habe. Und dann hörte ich davon, dass man hier in München noch zwei Männer für den nächsten Studiengang an der Otto-Falckenberg-Schule sucht, das war im Juli 2011.

Warum Deutschland, warum München?

Ich habe einen deutschen Pass. Viele Mitglieder meiner Familie sind deutsche Juden, die während der NS-Zeit nach Israel geflohen sind. Ich war zuvor nie in Deutschland, wollte aber immer verstehen, woher ich komme. Was ‚Deutschland‘ bedeutet. Deshalb bin ich zum Vorsprechen gekommen, auch wenn ich damals kein Deutsch konnte und niemanden hier kannte.

Es ist beachtlich, dass du sofort angenommen wurdest. Viele bereiten sich jahrelang auf die Aufnahmeprüfungen vor und werden trotzdem immer wieder weggeschickt.

Ja, das war schon irgendwie komisch. Man weiß ja, dass sich hunderte Leute für diesen Platz bewerben. Ich hatte auch anfangs nicht den Anspruch, angenommen zu werden. Ich dachte aber, dass das bestimmt eine schöne Erfahrung sein könnte. Wer weiß, vielleicht wurde ich ja nur deshalb angenommen, weil ich zuvor nie wirklich Kontakt mit dem Theater gehabt habe und deshalb anders an die Sache rangegangen bin?

Was hast du beim Vorsprechen vorgetragen?

Einen Monolog aus Henrik Ibsens Ein Volksfeind. Lustige Auswahl, ich weiß (lacht). Außerdem noch einen selbstgeschriebenen Monolog. Das fand ich sehr schön, die Falckenberg ist meines Wissens die einzige Schule, an der man was Selbstgeschriebenes vortragen darf.

Du hast den Ibsen-Monolog auf Deutsch vorgetragen? Obwohl du noch kein Deutsch konntest?

Ja. Ich habe viel mit deutschen Bekannten geübt, ich spreche ja auch Jiddisch und Holländisch, deswegen ging das schon. Klar, Hochdeutsch war das nicht wirklich. Aber mittlerweile hab ich ein bisschen Flow, wenn ich Deutsch spreche (lacht).

Warum Theater – und nicht Film?

Wenn sich was ergibt, würde ich auch Filme machen. Alles, was mich interessiert, würde ich machen. Aber eine Mauer baut man auch nur Stein für Stein.

Gibt es irgendetwas, was du auf der Bühne niemals tun würdest?

Nein. Wenn das berechtigt wäre und ich es nachvollziehen könnte, würde ich, denke ich, alles machen.

Was begeistert dich am Theater?

Die Auseinandersetzung mit Themen, die sonst vielleicht unter den Teppich gekehrt werden. Das hat man bei Die Neger gesehen. Viele sagen zum Beispiel, Rassismus gibt es in unserer Gesellschaft nicht mehr. Das ist falsch! Jeder von uns ist ein bisschen rassistisch. Jeder von uns hat eine gute und eine böse Seite. Die Auseinandersetzung mit diesen Problemen, das ist es, was Theater interessant macht. Natürlich wäre es einfach, ein angenehmes, lustiges Stück zu präsentieren. Das wäre dann erfolgreich, das Publikum würde es mögen. Aber die Diskussionen, die allein der Titel des letzten Stückes ausgelöst hat, zeigen doch, dass man diese kontroversen Thematiken ansprechen sollte.

Das Theater soll uns also helfen, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen?

Richtig. Ich denke, wenn da Leidenschaft und klare Gedanken dahinter stehen, ist das auch möglich. Und gerade die Themen, die wir ungern ansprechen, die gehören auf die Bühne.

Vielen Dank für das Interview!

Jeff ist zu sehen in

Die Neger von Jean Genet
Geschichten aus dem Wiener Wald von Ödön von Horváth

Gekürzte Fassung. © Juliane Becker

Dienstag, 14. Oktober 2014

Schwarze Abgründe

In einem Zeitalter, in dem wir es aus Kinderbüchern entfernen lassen, ist es mutig ein Stück zu inszenieren, welches das N-Wort provokativ als Titel trägt: Am Samstag feierte Die Neger in den Münchner Kammerspielen Premiere.

Man nehme ein Stück über Schwarze, die für Weiße eine Szenerie nachspielen, in der ein Neger eine weiße Frau ermordet. Dann fügt man groteske Masken hinzu, legt eine langsam schmelzende Wachsfigur in die Mitte der Bühne, untermalt das Ganze ab und zu mit Hip Hop und paff hat man das kontroverseste Stück des Jahres produziert. Johan Simons ist sich bewusst, in welche Situation er sich begibt. Und so beginnt das Programmheft zur Inszenierung mit einer Vorrede, in der sich der Regisseur zu erklären versucht:
Schwarze halten noch immer als Sündenbock für die Abgründe der weißen Seele her. Jean Genet hat dieses Stück, wie er selbst betont, für ein weißes Publikum geschrieben. Diesem sollte der Spiegel vorgehalten werden. Dieses Publikum wollte er provozieren, indem ihm die rassistischen Klischees vorgeführt werden, mit denen Weiße Schwarze denunzieren, ausbeuten und unterdrücken. Er hat das Stück für schwarze Schauspieler geschrieben, die in einem sehr komplexen Maskenspiel diese Klischees verhöhnen sollten.”

Foto: JU / Ostkreuz

Ein Weißer, der ein Drama gegen die Weißen schreibt, welche von schwarzen Schauspielern verkörpert werden. So weit, so radikal. Nichtsdestotrotz riefen die Premieren in Wien und Hamburg Proteste von Anti-Rassismus-Aktivisten hervor. Unangebrachte Blackfacing-Motive auf den Plakaten, so hieß es, waren der Grund dafür.
Es gab also jede Menge Beef, wie schon 30 Jahre zuvor. Bereits 1983 hatte der große Peter Stein das plakative Stück zur Aufführung gebracht, Genet selbst billigte damals die Besetzung durch weiße Schauspieler. Auch in der Simons’schen Inszenierung sehen wir unter den langen Kleidern der Darsteller die weiße Haut hervorblitzen. Nur Felix Burleson, ein niederländischer Schauspieler mit Wurzeln in Surinam, bildet die Ausnahme.
Blöderweise hat er fast keinen Text. Meist beobachtet er die Clownerie um sich herum mit einem Lächeln und gibt ab und an zustimmende Töne von sich. Am vorherrschenden rassismusgeprägten Wortdurchfall (“Die Neger sollen sich vernegern”) stört er sich wenig.


Spätestens mit der Sichtung der Masken hat sich der rassistische erste Eindruck aber in Luft aufgelöst. Nichts anderes als eine Maskerade, eine Karikatur kann dieses Schauspiel sein, tragen doch alle Darsteller lachhaft eiförmige Masken auf dem Kopf. Einige sind mit eindeutigen Zeichen versehen, sodass die Identifikation leichtfällt, so hat der Richter (Edmund Telgenkämper) das Gesetzbuch mit Klettverschluss auf seinen Schädel gepappt, und der Missionar (Hans Kremer) trägt im erzbischöflichen Stil das Kreuz auf dem Haupte. Wie das Ensemble überhaupt seine Luftzufuhr sicherstellt, das bleibt unbekannt. Stattdessen ergehen sich alle in kolonialem Geschwafel und ziehen gesichtslos und puppenartig ihre Bahnen über die Bühne, während der Corpus Delicti sich langsam plätschernd ins Liquide zurückverwandelt.

Burleson und Stefan Hunstein teilen sich die Rolle des Spielleiters Archibald. Eine Rolle in zwei Körpern, das kann nicht gut gehen. Die schockierend schlechte Kostümierung von Hunstein wirkt, als hätte sich der Schauspieler in der Garderobe noch schnell selbst die braune Latexmaske ins Gesicht geklebt, die Augen glitzern unpassend blau hervor, die Glatzenkappe sitzt nicht richtig. Gewollt oder ungewollt schlecht, das ist hier die Frage.
Es hat was von Inception. Hautfarben-Inception. Weiße, die Schwarze spielen, die Weiße und Schwarze spielen, die Weiße ermorden – Was für ein Chaos. Ein hochstilisiertes zwar, aber dennoch Chaos. Verhaltener Applaus, hauptsächlich für die körperliche Belastung, der sich die Schauspieler erfolgreich gestellt haben. Man hätte dann doch lieber ihre Gesichter als diese Masken gesehen.

Weitere Vorstellungen am 20. und 30. November, Karten ab 8 Euro
Informationen und Spielplan unter www.muenchner-kammerspiele.de

Dienstag, 23. September 2014

Fass mich an

Copyright: Eleanor Stills
So mancher Künstler entwickelt mit steigendem Ruhm eine gewisse Arroganz – bei Watsky hingegen hieß es am Sonntag jedoch: Anfassen erwünscht.

Es mag an der Location liegen, dass das Ganze wie ein netter Barbesuch unter Freunden wirkt. Das Ampere neben der Muffathalle ist nicht mal voll, maximal hundert, vielleicht hundertzwanzig Leute sind da. Wer ganz hinten steht, ist trotzdem nur knapp sechs Meter vom Bühnenrand entfernt. Wofür man sich bei größeren Bands stundenlang vorher anstellen muss, kommt man bei Watksy auch noch 30 Minuten vor Beginn easy hin – ganz nach vorne, praktisch zu Füßen des Künstlers.
Der lässt allerdings auf sich warten. Knapp anderthalb Stunden und zwei Vorbands müssen überwunden werden, bis sich George Watsky blicken lässt. Seine Supporter sind dabei recht unterhaltsam: Neben Anderson Paak, der ein wenig zu sehr auf seinen Namen fixiert ist (“What’s my mothafuckin’ name?!” – Nach dem fünfzehnten Mal wussten es dann alle) hat er auch die schottische Band The Lafontaines verpflichtet, die ordentlich Stimmung machen.  Vermutlich spielt da auch der schottische Akzent mit rein – die fünf Jungs aus Glasgow müssen danach die wenigen Mädels des Abends richtiggehend abwimmeln.

Copyright: Eleanor Stills

 Ohne große Ankündigung kommt dann aber schließlich Watsky auf die Bühne gejumpt und startet die Show mit Bet Against Me. Kaum hat er die letzte Silbe gesprochen, geht es schon weiter. Atempausen gönnt sich der 28jährige kaum. Zwischen seinen Songs gibt es immer wieder Poetry-Einlagen, die er in gewohnter Schnelligkeit auf das Publikum niederprasseln lässt. Und verdammt, er ist gut. Nicht umsonst ist er mit College-Slams berühmt geworden, seine Texte sprühen vor Intelligenz und Wortwitz. Sobald der letzte Laut seine Lippen verlässt, beginnt der nächste Song, er hüpft, er schreit, er setzt sich sogar ans Schlagzeug. Der schmächtige George Watsky definiert den Begriff “Energiebündel” neu – und er ist so publikumsbezogen, dass man ihn am liebsten auf die nächste Party mitnehmen würde. Da werden Hände geschüttelt, Fistbumps verteilt und das Lächeln erwidert, nach dem Konzert geht er erst gar nicht hinter die Bühne, sondern gesellt sich zu seinen Fans, quatscht hier und da ein wenig und posiert ungefragt für Fotos. Es ist fast ein wenig verwirrend – er ist doch irgendwie ein Star, sollte er sich nicht auch so verhalten? Normalerweise ist man gewohnt, dass der Künstler verschwindet und nur für eine Zugabe wieder kommt, aber Watsky ist da, vor mir, und oh mein Gott,  ich kann ihn anfassen!

Bleibt zu hoffen, dass der Rapper so bodenständig bleibt. Zumindest in Europa ist sein Bekanntheitsgrad doch noch eher gering – das erklärt auch die fairen Ticketpreise von gerade mal 16 Euro. Wermutstropfen: seine Musik scheint unverständlicherweise hauptsächlich männliche Minderjährige mit Hang zum Grabschen anzuziehen. Die bilden nämlich das Hauptpublikum an diesem Abend, auch wenn sie vor 24 Uhr verschwinden, weil Mami den Elternzettel nicht unterschrieben hat.

Besucht seine Website unter www.georgewatsky.com


Montag, 25. August 2014

Hamburg, harr harr

5 Tage Hamburg, hier ist die Kurzfassung. Falls explizitere Kritik an den Musicals geübt werden soll, kommentiert das hier.

Spamalot im St.-Pauli-Theater: Trash extrem und für jeden, der Monthy Python liebt, uneingeschränkt zu empfehlen. Studenten kriegen ganze 50% Rabatt auf die Eintrittskarte!
http://www.st-pauli-theater.de/programm/2014/spamalot.php

Rocky - The Musical im Tui Operettenhaus: Schon zum zweiten Mal gesehen und ein wenig enttäuscht. Wieder mit Zweitbesetzung (Detlef Leistenschneider anstatt dem anbetungswürdigen Drew Sarich, meh) und irgendwie nur auf 80%. Einfach mal gucken, wer an dem Abend spielt. Ansonsten eine mehr als technisch hochqualitative Show.
http://www.stage-entertainment.de/musicals-shows/rocky-das-musical-hamburg.html

Hamburger Poetry-Slam-Meisterschaften: Sorry München, Hamburg hat eindeutig die besseren Poeten. Kaum ein langweiliger Text dabei, die Fischköppe ham's ziemlich drauf. Zur Weiterbildung: Paul Fejfar, Fabian Navarro und Tolga Daglum. Anschauen.
David Friedrich, der charmante Interviewpartner des letzten Posts, ist übrigens zum zweiten Mal Hamburger Stadtmeister geworden. Applaudieren angebracht.

Was ich von Hamburg gelernt habe: 1. Frisuren sind da für'n Arsch, hält eh nicht. 2. Erst nach dem dritten Bier erträgt man Astra. 3. Günstig und gut essen kann man überall. 4. Ich habe niemals einen schlimmer stinkenden Bahnhof als den S-Bahnhof Reeperbahn gesehen. 5. Kapitäne leihen einem ungefragt ihre Mütze. 6. Münchner sind überall. ÜBERALL! 7. Schenefeld ist nicht Hamburg. 8. Digger ist eine anerkannte Anrede. 9. Im Übrigen hatte ich noch nie einen schlimmeren Schädel als von Astra. 10. Radler heißt Alsterwasser (auf keinen Fall aus der Flasche trinken, sondern frisch mixen lassen) und ratschen heißt schnacken. 11. Rauchen in Kneipen gehört zum guten Ton und der Barkeeper muss mindestens so blau sein wie du. 12. Nimm IMMER einen Regenschirm mit. Oder kauf dir so ein hässlichen Ganzkörpercape. 13. Ampeln sind gänzlich sinnlos in Hamburg. 14. Jeder hat 'ne Cap oder ne Mütze auf. 15. In der Bartholomäustherme sind nur Senioren, und wahlweise Münchner, die man zufällig auftut. 16. Jeder mehr oder weniger große Stadtteil hat mindestens ein Einkaufszentrum. 17. Pechkekse sind teuer, aber sehr lustig und ein lustiges Mitbringsel, für Menschen, die schon alles haben. 18. Transen unterscheiden sich von Tumoren, weil Tumore auch gutartig sein können (gelernt in Olivias Show Club, und sowas würde ich natürlich nie sagen). 19. Vor 22 Uhr tanzen nur Mittvierziger und Junggesellinenabschiede in den Clubs. 20. Wir siezt, wird gehauen.

Blick vom Boot.


Alles andere: Trinkt 'nen Kaffee in der Kaffeerösterei in der Speicherstadt. Anstehen lohnt sich derbe.

Steht auf der Packung der Pechkekse.
Fazit: Dope, wie der Hipster sagt. Da kann man bleiben.

Donnerstag, 14. August 2014

Theaterferien sucken.

Ich fühl mich ja schon echt einsam, irgendwie. Kein Abend, an dem man mal spontan ins Theater gehen kann, nix Neues, alle sind sie in den Spielzeitferien. Deswegen kommt hier auch zur Zeit nichts Aufregendes rein, es herrscht gähnende Leere...Dafür bin ich ab nächster Woche in Hamburg und schaue mir ein paar Musicals an! ROCKY war so awesome, da muss ich nochmal rein...und damit es hier nicht so langweilig bleibt, gibt es wenigstens darüber dann noch eine Review :)

Danke für eure zahlreichen Besuche!


Donnerstag, 31. Juli 2014

Wir nennen ihn einfach David


Er ist Münchens begabtester Poetry-Export — David Friedrich, seit ein paar Jahren Wahlhamburger und dort übrigens auch amtierender Stadtmeister, verirrt sich ab und zu noch in die Heimat. Glück für mich, denn ich durfte den 23-jährigen Slampoeten interviewen.

Wie bist du zum Slammen gekommen?

Durch Hip Hop. Wie viele kleine Pubertierende wollte ich Rapper sein, hab dann festgestellt, dass ich höchstwahrscheinlich dann doch kein Rapper werde. Aber der große Bruder einer meiner besten Freunde hatte eine Hip-Hop-Gruppe namens Creme Fresh, die sind
auch in der Schauburg aufgetreten und nachdem ich die dort sah, wollte ich es auch mal versuchen.

Wie läuft das, wenn du Texte schreibst? Setzt du dich einfach hin und fängst an?

Manchmal. Ich versuche es zumindest. Das wird aber meistens nichts. Da fehlt die zündende Idee.  Manchmal brauche ich ein Jahr für einen Text und schreibe ihn dauernd um. Ich bin da ein bisschen perfektionistisch.

Aus welchen Themen entsteht ein guter Text?

Das sind meistens die plumpen Themen. Mein vorletzter Text ging über Leute im Fitnessstudio (“Wir nennen ihn einfach Klaus”, Anm. d. R.). Jeder kennt sowas, und das macht auch am meisten Spaß, wenn jeder was damit anfangen kann. Früher hab ich auch viel über Beziehungen geschrieben und alle Probleme darin verarbeitet, was ja auch fast alle verstehen können. Manchmal gab’s auch politische Sachen. Hauptsache irgendwas, das jedem bekannt sein könnte.

Sollte ein Text eher tiefsinnig oder eher humoristisch sein?

Bestenfalls beides! Ich finde, die besten Texte sind immer welche, die einen zum Nachdenken bringen. Oder halt jegliche Form von Humor. Wobei die witzigen Texte ja die erfolgreichsten sind. Jemanden zum Lachen zu bringen ist allerdings mindestens genauso schwer, wie jemanden zum Nachdenken zu bringen.

Es kursieren aber sehr viel mehr melancholische als lustige Texte in der Slammer-Szene.

Die meisten Leute haben ja auch Probleme, wenn sie Texte schreiben. Wenn man gar keine Probleme hat und superglücklich ist und es nichts gibt, was einen nervt, dann kann es sein, dass man kein guter Autor wird – wenn man denn einer werden will. Das Meiste wird geschrieben, wenn Leute irgendwas zu verarbeiten haben.

Was ist dein persönlicher Lieblingstext von dir selbst?

Ein ganz alter, den ich damals mit meinem besten Freund fabriziert habe. Der heißt Irgendwie abstrakt.

Und von anderen Slammern?

Kollateralschäden oder Cola zermalmt Schädel von Dalibor. Nach wie vor einer meiner absoluten Lieblingstexte.



Wie viele Tage im Monat bist du auf Slams unterwegs?

Vielleicht acht bis zwölf. Dazu kommen noch Moderation, Workshops, Rhetorikkurse. Das kann manchmal etwas viel werden. Ab und zu habe ich mal fünf Tage im Monat frei. Aber man hat sich dann natürlich auch für so ein Leben entschieden.

Bist du überhaupt noch aufgeregt vor Auftritten?

Kommt darauf an. Neulich bin ich im ausverkauften Hamburger Schauspielhaus vor 1700 Leuten aufgetreten. Ausverkauftes Haus, viel Prestige, der Gewinner bekommt einen Startplatz für die Meisterschaften, da war ich tierisch aufgeregt. Aber gestern war ich auf dem Deichbrand-Festival vor über 6000 Leuten und hab den Slam moderiert. Das war anstrengend, aber ich war nicht aufgeregt.

Was unterscheidet das Publikum in Hamburg von Münchner Zuschauern?

Der Humor ist ein bisschen unterschiedlich. Die Hamburger mögen schwärzeren Humor. Und die lachen auch eher über sich selber.

Die Leute in München nicht?

Nee, ich glaube, die Münchner sind etwas empfindlicher. Wenn du in München Witze über die Münchner Schickeria machst, dann finden die das nicht so witzig, weil das ein Vorurteil ist, das so oft einfach nicht stimmt. Aber wenn du in Hamburg sagst, ihr seid doch alle Fischköpfe, dann finden sie das lustig. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass man in München nicht so gut mit Klischees umgeht wie anderswo.

Wie wichtig ist die Performance beim Slammen?

Kommt auf den Text an. Ich glaube aber, dass Körpersprache viel ausmacht. Niemand sollte sich auf der Bühne hinter einem Textblatt verstecken und stotternd irgendwas vorlesen. Da kann der Text noch so gut sein, das wird dann nichts. Performance sind 60% bei einem Auftritt, würde ich sagen.

Wie viel Wahrheit muss in einem Text stecken?

Eigentlich überhaupt keine. Ein Text kann auch erstunken und erlogen sein. Aber wenn du die Leute emotional kriegen willst, dann nimm einen wahren Text. Den bringt man dann auch besser rüber.

Du hast vor einem knappen Jahr ein Buch herausgebracht. Wie kam es dazu?
Zwei befreundete Slamkollegen haben mich einfach gefragt, ob ich da mitmachen will. Ich hab ja auch nicht extra was dafür geschrieben, sondern Texte von mir ausgewählt, die da reinpassten. Ist ‘ne coole Sache.

Wir kommen zur Entweder/Oder-Kategorie! Los geht’s: Lustiger oder tiefsinniger Text?

Lustiger!

Auftritt vor wenig Menschen in einer Kneipe oder vor vielen Zuschauern in der Halle?

Viele Menschen in der Halle!

Comedy oder Kabarett?

Kabarett!

Weißbier oder Astra?

Von Astra kriegt man Kopfschmerzen. Weißbier! Aber ich mag auch ein frisch gezapftes Jever gern.

Isar oder Elbe?

Beides!

Geht nicht.

Dann Isar. Weil die Elbe nicht wirklich zum Schwimmen geeignet ist.

Glas halb voll oder halb leer?

Immer halb voll. Manchmal aber halt auch randvoll.

Vielen Dank für das Interview!

David ist demnächst zu sehen u.a. in:

Hamburg//01.08.//Artville Open Air Slam
Köln//26.08.//Reim in Flammen Poetry Slam
München//25.10.//Poetry Slam im Rahmen des BMW Urban Festivals

Gekürzte Fassung. © Juliane Becker

Videos:

Wir nennen ihn einfach Klaus

Guten Morgen liebe Welt