Freitag, 13. Juni 2014

Kitsch und Kuchen


Vor Münchner Publikum eine Persiflage über Ludwig II aufzuführen, den Kini, Mysterium und Touristenmagnet für Millionen und sozusagen bayrisches Heiligtum, ist gefährlich. Noch gefährlicher wird es, wenn besagter König gar nicht glamourös, sondern ein depressiver Jean-Luc Bubert ist und seine Vorliebe für den auf Plateaupumps stöckelnden Hausboy (Jakob Geßner) offen zur Schau stellt. Sagen wir mal, das hätte alles gründlich nach hinten losgehen können. Nach bis zum Erbrechen in Musicals und “wahren” Biographien zelebrierten Lebens- und Leidensgeschichten von Wiggerl, Elisabeth und co., servieren uns die drei Regieassistentinnen Lea Ralfs, Charlotte Oeken und Marie Jaksch endlich eine Alternative: eine saukomische Kitschkritik, die nicht an Bosheit und Witz spart und so ziemlich alles und jeden aufs Korn nimmt.

Mit Ludwig II – Eine musikalische Utopie feiert das Volkstheater die letzte, fulminante Premiere in dieser Spielzeit und beschert dem Zuschauer genau das, womit man in den Sommer starten möchte: Komödie vom Feinsten, tränenerstickte Lachanfälle inklusive.



Der Mensch an sich ist ja käuflich. Und deswegen bricht das Publikum auch in regelrechte Jubelstürme aus, als Sophie (Lenja Schultze) Steckerleis verteilt. Außerdem hat es ungefähr vierzig Grad auf der Kleinen Bühne, könnte auch ein Grund dafür sein, dass die Begeisterung so groß ist. Arme Lenja, die in ihrem Fatsuit durch die Gegend hoppeln muss. Sissis essgestörte Schwester ist der heimliche Star dieser Inszenierung. Von ihrem Verlobten Ludwig verlassen, frisst sie begeistert Kuchen nach Kuchen und danach noch ein paar Törtchen in sich hinein und möchte am Ende sogar ihren Koch Jan-Henrik (Viktor Hauser) heiraten, damit sie immer was zu futtern im Hause hat. Ihr Faible für Essen wird schon beim Einlass deutlich, als sie die Mikrophone nicht mit dem üblichen “1,2,3…” testet, sondern feinsäuberlich artikuliert Lebensmittel aufzählt: “Haxxxxxe, Schweinssssshaxxxxxe. Moussssse au Chocolat. Cevapppppcici.”
Tja, und Ludwig…der will “einfach nur hier sitzen” und Trübsal blasen. Der Hofstaat jedoch plant die Feierlichkeiten zum 22. Thronjubiläum und führt zu Ehren des Königs Siegfried auf, wobei ein schwäbelnder Max Wagner den Regisseur mimt und brüllkomisch die (Un-)Eigenarten von Theatermenschen parodiert. An dem ist übrigens ein Sänger verloren gegangen. Denn wir befinden uns, nicht vergessen, in einem Liederarbend. Deshalb wird, von Richard Wagner (Michael Gumpinger) begleitet, gesungen. Und wie! Sissi (Mara Widmann) brilliert mit einer stimmgewaltigen Version von Back To Black, und Ludwig krächzt mit Reibeisenstimme ein I Am So Lonesome ins Mikro.
Als dann ein schmieriger Kerl namens Sam (wieder Max Wagner) auftaucht und mehr oder weniger hinterhältig plant, dem Kini sein ganzes Geld abzunehmen, steigt dieser vollends auf die Verführungsavancen des Unbekannten ein und stürzt sich voller Elan zurück ins Leben. Auf der Suche nach Liebe verliert er die Wenigen, die wirklich zu ihm stehen, aus den Augen, was die natürlich nicht auf sich sitzen lassen.

Der sehr kurzweilige Abend geht so kitschig zu Ende, wie man das nach diesem fantastischen Stück erwartet: Ein auf einem bayrisch gescheckten Fahrrad entschwindender, stupide lächelnder Kini winkt uns zum Abschied zu. Mehr Bayern geht nicht. Mehr Lachen auch nicht.



Donnerstag, 12. Juni 2014

Auch du, stummer Brutus?

© Laura Spes

Es ist muffig, das Licht flackert ein wenig, und die grauen Kellerwände versprühen den Charme einer Stasi-Verhörzelle. Perfektes Ambiente für eine gleichsam verstörende, wie auch einnehmende Inszenierung. Caesar im Haus der kleinen Künste punktet mit einem professionellen Amateurensemble und starken Bildern.

Wohlweislich betitelt mit ‘nach Shakespeare’, versetzt Regieneuling Danijel Szeredy das Geschehen des 400 Jahre alten Dramas in die heutige Zeit und bleibt doch dem julianischen Rom treu. Brutus, der Verräter, gequält von seiner Tat und seinem Streben nach Freiheit, bezahlt den Preis für seinen Vatermord und muss sich Folter und Verhör stellen. Szeredy hat neben der Überarbeitung des Textes und der Direktion auch noch eben die Hauptrolle übernommen. Immerhin musste er dafür keinen Text lernen – sein Brutus bleibt stumm, auch angesichts von Gewalt und Verzweiflung entweicht seinen Lippen kein Ton. Sprach-, fassungs- und klaglos rennt er schlussendlich in das ihm angebotene Messer.

© Laura Spes
Er ist der einzig Leise in dieser Welt voller Anzugträger, die sich uns in diesem Keller darbietet. Caesar selbst (William Newton) kommt nicht oft zu Wort, er lässt lieber den Chor sprechen. Die drei Mädchen, die sich so unglaublich synchron artikulieren, dass es fast gruslig wirkt, sind Folterknechte, Bürger und Aufständische zugleich. Deren Stimmgewalt wird im letzten Akt schmerzhaft deutlich, als die Akustik des kleinen Raumes zum tausendfachen Widerhall ihrer Schreie führt und man sich auf der Startbahn eines Flughafens wähnt. Allgemein wird zu viel auf Lautstärke gesetzt, was schade ist, da die Darsteller es auch ohne den extremen Geräuschpegel vermögen, den Raum zu füllen. Nur Lepidus, Brutus’ Vernehmer (Matthias Mezes), bleibt beängstigend ruhig, während er mit kleinen Gesten seine Schergen zu weiteren Torturen anweist und langsam seine Zigarette raucht.

© Laura Spes
Die Grausamkeit ist allgegenwärtig in dieser Produktion. Die Kellerwände scheinen sie zu reflektieren. Und trotz radikalen Szenenumbrüchen, Textvermengung à la carte und feinsinnigen Kommentaren zur aktuellen politischen Situation bleibt die klare Linie der Regieführung deutlich zu erkennen. Es macht alles Sinn, und genau das fehlt jungem Regietheater sonst. Auch hier sind die interpretatorischen Ansätze nicht ganz einfach zu verstehen, aber nachzuvollziehen. Ein Fakt, den sich so mancher gestandene Theatermacher zu Herzen nehmen könnte. Viel Applaus für ein hochqualitatives Erstlingswerk mit beißender Kritik, mitreißender Dynamik und begeisternden Darstellern.

Informationen unter www.hausderkleinenkuenste.de

Mittwoch, 4. Juni 2014

Neue Freuden, neue Schmerzen

Moosach macht Oper - sogar die bekannteste Oper der Welt. Die Zauberflöte steht auf den Programm. Zauberhafte Stimmen, aber der Sinn der Inszenierung geht im wahrsten Sinne des Wortes flöten.
Das Grüppchen Solisten, das sich da in Moosach versammelt, ist mehr als famos. Eine blutjunge, dennoch stimmgewaltige Königin der Nacht (Astrid Mathyshek), drei bezaubernde Damen (Susanna Proskura, Florence Losseau, Anna Gassler) und ein herzallerliebstes Paminchen (Simone Yael). Und dann eben noch Papageno (Benedikt Eder), als wuschelköpfiges Studentenbürschlein mit Fahrrad und Lederrucksack in Szene gesetzt, der alles und jeden mit seinem Bariton an die Wand singt. Was für eine Stimme! Der kann niemals älter als dreiundzwanzig sein und singt schon jetzt besser als alle Münchner Gesangsstudenten zusammen. Da sehen viele andere eher blass aus, sogar Jason Papowitz, seines Zeichens Urviech der Oper und schon überall mal gewesen. Einen wirklich hübschen Tenor hat er, aber für den “stattlichen Jüngling” Tamino ist er ein bisschen zu alt. Und zu amerikanisch. Und Flöte spielen kann er auch nicht. Aber naja, der Gesang stimmt.



Bleibt die Frage: Warum nur geben sich all diese weltbühnenerprobten, hochbegabten, zu Höherem berufenen Menschen mit einer dermaßen mittelmäßigen Inszenierung zufrieden? Hat denn da niemand mal auf den Tisch gehauen und gesagt: “Werte Frau Regisseurin, ich habe bereits im [hier Opernhaus einsetzen] gespielt, studiere seit Jahrzehnten Gesang und hab sowieso relativ viel Ahnung von dem was ich mache, warum fabrizieren Sie hier so einen sinnlosen [hier skatologischen Ausdruck einsetzen]?”
Ist die Lage auf dem Markt so schlecht, dass sich der Jungsänger mit so etwas zufrieden geben muss?
Man hätte, theoretisch, eine qualitativ hochwertige Bühnenshow abliefern können. Die finanziellen Mittel waren ganz offensichtlich da, Hilfe vom Profi gabs auch – Monika Staykova vom Bayerischen Staatsschauspiel war für die Kostüme zuständig -, und die Musiker brillierten ebenfalls. Dennoch schafft es die Regisseurin Kristina Wuss, diese potentiell fantastische Aufführung zu wenig mehr als Laientheater zu degradieren.

Zwischen gefühlt allen in Moosach wohnenden Mittvierzigern, die schon immer einmal auf der Bühne stehen wollten und nun als Statisten die Gelegenheit dazu bekommen, bewegen sich nun Sarastro (Frits Kamp), seine Schergen und ein paar Kinderlein auf dieser kleinen Bühne, umgeben von lächerlichen und verwirrenden Requisiten. Was soll zum Beispiel dieser singende Plastikhummer, den man Papageno zusammenhangslos überreicht? Oder dieser blöde Medizinball, der ständig von irgendwem rumgeschleppt werden muss und auch keinen erkennbaren Sinn hat? Fand hier so etwas wie eine Leitmotivdarstellung statt? Soll das eine Art Running Gag sein? Und warum steht da immer dieser große Kerl mit dem leuchtenden Ikealampenschirm? Wieso zieht sich Monostatos (Siddique Eggenberger) den Reifrock der 1. Dame an? Und weshalb taucht auf einmal ein überdimensionaler Rabe auf der Bühne auf? Die Liste der Warums ist endlos. Antworten gibt es kaum. Selbst die Mitwirkenden scheinen nicht so recht Ahnung zu haben, was sich ihre Regisseurin denn bei dem ganzen Trara so dabei gedacht hat. Man bekommt allgemein das Gefühl, dass diese Inszenierung ihre offensichtlichen Schwächen durch möglichst viele, möglichst sinnfreie Requisiten übertünchen möchte. Es ist schon bezeichnend, wenn zehn Theaterwissenschaftler im Publikum sitzen und keiner den Sinn dieser alternativdramaturgischen Mittel erkennt. Nichts passt zusammen, nirgendwo ist eine klare Linie zu erkennen.



Dem Publikum gefällt’s trotzdem. Die Kinder liegen zwar schon nach der ersten halben Stunde müde auf Mamas Schoß, aber als Sarastros Löwe – an dieser Stelle Chapeau, gutes Kostüm – auftaucht und zwinkernd durch die ersten Reihen schlendert, werden die Kleinen ganz schnell wach. Mir fällt’s wie Schuppen von den Augen: eine rein für Kinder ausgelegte Zauberflöte wäre doch optimal gewesen! Denen wäre nämlich jedes sinnlose Detail wurscht und Menschen in Tierkostümen kommen immer gut an. Und die Eltern sind stolz, dass sie Schackeline und Jeremy-Pascal ein Stück Kultur näherbringen können.
Für Opernliebhaber und Menschen, die auf Sinn Wert legen, ist die Moosacher Fassung nicht geeignet. Zu sehr ist man gewöhnt an barocke Staatsoperästhetik und den berühmten Roten Faden, der sich durch jede gute Inszenierung zieht. Allen anderen ist die Zauberflöte in der Moosacher Fassung schlussendlich nur aufgrund dieser grandiosen Sänger zu empfehlen. Talent reißt’s halt doch raus.

Montag, 19. Mai 2014

Von Mägden und Mördern

Kunst statt Theater


Nach zwei Jahren ist endlich eine neue Regiearbeit von Stefan Pucher in den Kammerspielen zu sehen – mit viel Schwarz, viel Schminke und viel Talent schwanken Die Zofen zwischen Liebe, Hass und Erotik.





















 
Es ist ein Rausch in Schwarz-Weiß. Die Schwestern Claire (Brigitte Hobmeier) und Solange (Annette Paulmann) dienen als Zofen. Sie verehren ihre Herrin (Wiebke Puls) genauso sehr wie sie sie verachten; Ihr liebster Zeitvertreib ist es, während der Abwesenheit der Gnädigen Frau deren Tod nachzustellen. Es ist nur ein Spiel, doch es ist so düster wie die tunnelartige schwarze Bühne, in der sich das Ganze abspielt. Und so ist es vorauszusehen, dass die Grenzen zwischen Realität und Traum irgendwann verwischen werden. Inspiriert durch ihr Spiel, beschließen die Zofen, die Herrin endlich zu töten.

Die Aufmachung der Darstellerinnen ist grotesk bis grandios. Dramatisch überschminkt, clowngleich weiß bepinselt und mit rigoros weggeklebtem Haupthaar gleichen sie kaputten Püppchen, oder aber auch irgendwie Goldie Hawn in Der Tod steht ihr gut, als die mit tonnenschwerer Farbe im Gesicht ihr Zombietum zu verdecken versucht.
Die Gnädige Frau hingegen ist die Einzige mit natürlich anmutendem Haar und besticht vor allem durch ihre rosenübersäte Robe und die schrille Schizophrenie, die sie ihren Mägden gegenüber an den Tag legt. Einerseits mütterliche Liebe, dann wieder blinde Verachtung. Dass die Zofen ihren Ehegatten, den Gnädigen Herrn, durch denunzierende Briefe ins Gefängnis gebracht haben, weiß sie nicht.




Erst durch das Zusammenspiel dieser drei Wahnsinnsfrauen wird aus diesem stillen Stück von Jean Genet eine Hammerinszenierung, die vor Gothicelementen, (Homo-)Erotik und Sadismus nur so sprüht. Zu den von Christopher Uhe komponierten, schweren Balladen wird gesungen, besonders Annette Paulmann brilliert mit einer atemberaubenden Präsenz auf der Bühne, die seltsam gefährlich wirkt. Und diese Stimmen! Wer hätte gedacht, dass Wiebke Puls eine so großartige Sängerin abgibt, und gibt es eigentlich irgendwas, was die Hobmeierin entstellen kann? Selbst mit Plastikmatsche auf dem Kopf und zentimeterdickem Make-Up sieht sie immer noch irgendwie sinnlich aus. 

Stefan Pucher hat mit dieser Inszenierung ein hochstilisiertes, sehr artifizielles, und höchst kunstvolles Konstrukt geschaffen, das dadurch aber nicht wirklich zum Nachemfinden geeignet ist. Es ist mehr Kunst als Theater. Mehr was zum Beobachten als was zum Fühlen. Und eine erfrischende Abwechslung zum pseudoalternativen Intendantentheater von Johan Simons. Mehr Pucher für alle!

Regie: Stefan Pucher
Kostüme:
Annabelle Witt
 
Bühne: Barbara Ehnes
Dramaturgie: Tobias Staab  
Informationen und Spielplan: www.muenchner-kammerspiele.de

Dienstag, 13. Mai 2014

Interpretation, intravenös

 

Bereits mit This Is The Land feuerte der israelische Regisseur Eyal Weiser im Rahmen von Radikal Jung 2014 ein wildes Gemisch aus Video, Theater und Performance ab – das neueste Bühnenwerk Nystagmus ist nun im Volkstheater zu sehen.

Eins vorweg: Wenn man öfter mal ins Volkstheater geht und das Ensemble kennt, ist das Ganze nur halb so spannend. Denn dann weiß man sofort, dass dieses Projekt nur fingiert ist. Andererseits müsste diese “Kunstausstellung” ziemlich durchgeknallt auf Zuschauer wirken, die ihren Fuß zum ersten Mal in dieses großartige Haus setzen.
Der Kurator Anton Ehrlich – es ist Oliver Möller mit Bart – hat insgesamt neun Künstler eingeladen, die ihrerseits eigene Performances und Werke darbieten werden. Wirkliche, echte, existierende Kunstschaffende sind davon nur wenige, zu ihnen gehört aber unter anderem Rami Maymon, der das Titelbild zur Austellung gestaltet hat.
Nystagmus – das ist ein Krankheitsbild, bei dem die Augen unkontrolliert zu zittern beginnen. Adolf Hitler “diagnostizierte” es bei modernen Künstlern, da deren Ansichten nicht mit seiner Weltanschauung übereinstimmten. Der Untertitel Eine große deutsche Kunstausstellung existiert ebenfalls als Anspielung auf die hitler’sche Titelgebung der beiden Exhibitionen Entartete Kunst und Große deutsche Kunstausstellung, wie sie 1937 in München veranstaltet wurden.

Man fürchtet eine weitere, fingerhebende Konfrontation mit der deutschen Vergangenheit. Doch schon beim Einlass zeigt sich, dass dieser Abend anders werden wird. Man kommt von hinten auf die Bühne, wo eine vielleicht fünf mal fünf Meter große Installation aus Holzbalken aufgebaut wurde, innerhalb der einige Objekte dargeboten werden: Zwei Goldbarren, ein in Dauerschleife laufendes Video von zwei tanzenden Menschen, sowie ein auf dem Boden sitzender Mensch in einem sehr seltsamen Kostüm, der die Vorbeiziehenden unter seiner riesigen, aus Stroh und Papyrus gebauten Kopfbedeckung beobachtet. Anschließend, eingeschüchtert in der ungewohnten Situation, sich auf einer Bühne zu befinden, lässt man sich erleichtert auf die Plätze fallen.
Max Wagner. Foto: Arno Declair

Nach einer kurzen Einführung durch Anton Ehrlich, beginnt Nystagmus mit dem Deutsch-Israeli Uriah Rein-Merchav. Und auch wenn er androgyn kostümiert ist, erkennt man Volkstheater-Schönling Max Wagner sofort. Sein Werk, als connecting dots bezeichnet, zeigt das Portrait einer Frau, das er nicht mit Farbe, sondern mit einer Schnur zeichnet, indem er sie mit an der Wand montierten Punkten verbindet. Im Hintergrund wird die Lebensgeschichte der Dargestellten, Emma, skizzenhaft erläutert. An Schizophrenie erkrankt, wird sie 1944 von den Nazis hingerichtet. Schnitt. Rein-Merchavs Großvater Georg Rein hilft bis 1945 den Nazis beim jüdischen Massenmord und wird danach Richter in der DDR. Die totale Verdrängung gelingt, am Ende erlöst ihn Alzheimer von etwaigen Rückständen im Gedächtnis. Schnitt. Reins Tochter Helene will die Schuld ihres Vaters kompensieren und entflieht der BRD in ein israelisches Kibbuz, wo sie einen Mann mit dem Nachnamen Merchav heiratet, der zu Uriahs Vater werden soll. Er stirbt vor der Geburt seines Sohnes im Libanonkrieg. Uriah stellt sich nun dem Dämon, der seine Familienbiographie heimsucht und verbindet Ahnenforschung und Vergangenheitsbewältigung. Eine bewegende, romantische, traurige Performance.

Man könnte fast beleidigt sein, sobald man erkennt, dass sie nur erfunden ist.
Max Wagner, den man bisher nur als zwar ästhetisch hochwertigen, aber dramaturgisch eher unspektakulären Schauspieler zu sehen bekam, verblüfft durch eine atemberaubende Perfomance (echte Tränen!) und szenische Präsenz, die Geschlechtergrenzen sprengt. Chapeau, der Junge kann was!

Danach: Eine Seance, dargeboten vom Medium Sybille Lang (Ursula Maria Burkhart) und ihrer Tochter Felicitas (Lenja Schultze), ufert aus, als die “zufällig aus dem Publikum gerufene” Kunstsammlerin Frau Fitschen (Mara Widmann) durch den Geist eines Verstorbenen den Standort des Kruzifixs von Ludwig Gies finden will. Letzteres war ebenfalls Bestandteil der Ausstellungen Hitlers und würde nun ein Vermögen wert sein. Doch anstatt von Ludwig Gies channelt Sybille Lang einen gewissen Alois, der sich als von Adolf beklatschter Jesus-Darsteller der Oberammergauer Passionsspiele herausstellt. Eine gelungene Spitze auf die Habgier, die auf dem Kunstmarkt herrscht. Und ein paar esoterisch angehauchte Zuschauer betrachteten das Geschehen auf der Bühne mit so heiligem Ernst, dass man das fast auch schon als Performance ansehen konnte. Lustig, aber zu lang.

Oliver Möller. Foto: Arno Declair


Die Gebrüder Sturm (Leon Pfannenmüller und Johannes Meier) nehmen die Irrungen und Wirrungen der Werbung aufs Korn. Mit der Performance “Werbeunterbrechung” wird nur durch den Ausspruch einiger Slogans ein Geschlechtsakt simuliert, während im Hintergrund ein Zusammenschnitt aus Werbeclips, Pornoszenen und nebulösen Psychodelika-Videos läuft. Es ist wahnsinnig witzig und gleichzeitig erschreckend, weil man zu jedem Slogan sofort den Hersteller im Kopf hat. “Für das Beste im Mann” war da noch das einfachste, aber ohne Probleme ordnet das liebe Hirn jeden noch so dummen Spruch dem passenden Werbenden zu. Da hinterfragt man dann schon seinen Medienkonsum. Immerhin kam keine Seitenbacher-Werbung.

Jean-Luc Bubert. Foto: Arno Declair


Zum Schluss schießt Bruno Spatz (Jean-Luc Bubert) den Vogel ab. Unterstützt von seiner Lebensgefährtin Magdalena Wiedenhofer, diese adrett im schlumpfblauen Einteiler, begleiten wir ihn in seiner Performance “Mein MutterMund”, beobachten ihn und versuchen, einen interpretatorischen Ansatz zu finden. Und werden herrlichst verarscht, als die beiden uns mit Hitler-Manier “Wollt ihr die TOTALE INTERPRETATION?” entgegenschreien und klar wird, dass diese Sequenz rein darauf abzielte, uns in unseren Bemühungen zu vergackeiern. Spatz ist der Künstler, den wir in Berliner Galerieräumen antreffen, umgeben von in der Interpretation seiner Werke zu Höchstleistungen auflaufenden Kunstkritikern, er präsentiert Scheiße als Gold und ist damit erfolgreich. Er ist der Kunstschaffende der Gegenwart, eine dieser Personen, denen man “Ist das Kunst oder kann das weg?!” auf den Körper tätowieren möchte. Es ist die durchgeknallteste, aber auch die kreativste Darbietung, und auch hier geht es um Auseinandersetzung. Mit dem eigenen Ego, mit dem Kunstmarkt, mit Kritikern. Es ist eine Bullshitparty, die erst im Nachhinein richtig wirkt.

Eyal Weiser hat zwar für einige klassische WhatTheFuck-Momente gesorgt, aber der Zauber von Nystagmus liegt wirklich in seiner Nachwirkung. Mehr Raum für Diskussion gab es bei einer Inszenierung selten. Wenn auch das Konzept teils etwas zu chaotisch war, so ist die Idee der Fiktion, die uns als Wahrheit verkauft wird, ein starker und nachdenklich stimmender Ansatz. Wieder einmal muss man dem Volkstheater und seinem Adoptivvater Christian Stückl applaudieren. Danke, dass es in Schickeria-München einen Platz für Kreatives gibt.

Regie: Eyal Weiser
Fotographie und Konzept:
Rami Maymon

Kostümbild:
Muslin Brothers

Informationen und Spielplan:
www.muenchner-volkstheater.de


Ist das Kunst oder kann das weg?

Was letztendlich dabei herauskommt, wenn man eine fantastische Erzählung Kafkas als vierstündiges Hammerstück auf die Mini-Bühne des Rationaltheaters bringt, können wir nur erahnen. Länger als bis zum Ende des ersten Aktes haben wir nämlich nicht durchgehalten.

  


Warum genau möchte man eine Erzählung inszenieren, deren Hauptteil so verschwurbelt und ja, kafkaesk ist, dass man nicht einmal mit Hollywoods Super-Special-Mega-Effects eine auch nur ansatzweise solide Darstellung erreichen könnte? Sicher, einiges klingt noch ganz realistisch: Es beginnt damit, dass ein namenloser Erzähler in einem Prager Café auf einen Unbekannten trifft. Man tauscht sich über Liebeleien aus, beschließt letztendlich, einen Spaziergang zum Laurenziberg zu machen. Dann wendet sich die Erzählung komplett in Richtung Fiktion: Der Unbekannte wird als Reittier benutzt und den Geiern überlassen, ein unglaublich fetter, buddhaähnlicher Mann tritt auf und erklärt dem Erzähler, dass ihn die Landschaft störe, am Ende kann sich der Erzähler aus irgendeinem Grund körperlich verändern.

Der Text ist eigentlich ganz angenehm zu lesen. Natürlich bietet er auch zahllose interpretatorische Ansätze, “Es wird ein Kampf zwischen widerstreitenden Lebenskräften beschrieben”, heißt es in Wikipedia. Der Dualismus zwischen Erzähler und Unbekanntem, dem Dicken und dem Beter, ebenfalls einer Nebenfigur, ist einleuchtend.
Aber was passiert da auf der Bühne? Eingerahmt in ein zirkusähnliches Ambiente schwankt die Inszenierung zwischen Nacktheit, Lärm und Folter – die musikalische Untermalung durch einen jungen Herrn am Keyboard mit bemerkenswert unangenehmer, weil schiefer Singstimme, lässt einen mehr als einmal schmerzhaft zusammenzucken. Da helfen auch seine beiden Sidekicks, ein Mädchen am Cello und ein Kontrabassspieler, beide doch recht gut, nichts mehr. Die sich anfangs barbusig den Rücken geißelnde Dame zieht sich ein rotes Dompteurenjackett an und beginnt, während sie mit freundlicher Stimme Kafkas Text rezitiert, ein “Äffchen” mit Peitschenschlägen und schikanierenden Späßchen zu traktieren. Zwischendurch erschießt sie kurz den Keyboarder, der nach kurzer Zeit leider wieder weiterspielt und -singt, während im Hintergrund verstörende Videos von einer nackten, gefesselten, einen verschneiten Berg hochsteigenden Frau gezeigt werden.

Der eineinhalb Stunden andauernde, erste Akt (von drei) bietet zwar einige witzige Gags, die aber so oft wiederholt werden, dass sie nur noch peinlich wirken, und bietet auch nach intensivem Nachdenken keinen interpretatorischen Ansatz, der dieses Chaos auf der Bühne rechtfertigen könnte. Wobei, der Regisseur Dominik Frank (fun fact: er hat sein Studium der Theaterwissenschaft mit einer Arbeit über “Nacktheit auf der Bühne” beendet, welch Zufall!) hat sich bestimmt so einiges dabei gedacht. Sind wir zu konservativ? Zu kleingeistig? Zu sehr an “angenehmem” Theater interessiert? Wir werden es nie erfahren. Aber eines kann man wohl mit Recht behaupten: Erst wenn man Frank Castorf heißt, kann man dem Publikum problemlos vier-und mehrstündige Bühnenadaptionen (siehe “Reise ans Ende der Nacht” im Residenztheater) hinklatschen und trotzdem bejubelt werden.

Nichtsdestotrotz muss an dieser Stelle doch die schauspielerische Leistung der Darsteller/Performer Lisa Oertel, Anne Roemeth und Clara Becker-Jostes (letztere leider im ersten Akt nur in einem Video aufgetreten) gewürdigt werden. Nicht nur, dass diese Art der Selbstaufgabe auf einer Bühne immer großen Mut erfordert, auch der schiere Berg an Text (allein im ersten Akt! Madre mia!) wird wirklich gut bewältigt und die Hingabe, mit der gespielt wird, ist beachtlich. Dennoch wäre das Schauspieltalent der Beteiligten in sinnvolleren Inszenierungen besser aufgehoben.

Wer trotzdem den Kampf wagen will, hat noch mehrmals die Chance dazu: am 21. und 22. Mai, sowie am 04., 05. und 6. Juni. Wer weiß, vielleicht wird das Ganze ja noch besser? Wer es bis zum Ende durchhält, möge doch bitte eine kurze Zusammenfassung in Form eines Kommentars hinterlassen, damit wir uns nicht für immer in Unwissen wiegen müssen.

Regie: Dominik Frank
Dramaturgie: Ayna Steigerwald 
Bühnenbild/Raumkonzept/Video/Kostüm: Lars Altemann, Kalas Liebfried, Stefan Natzel

Eine Produktion des Rationaltheater München e. V. in Zusammenarbeit mit RegieAlsFaktor & Collectif L’Homme révolté.

Donnerstag, 1. Mai 2014

Wein, Weib und Gesang

Es ist schon bezeichnend, wenn ein Stück seit drei Jahren erfolgreich läuft und noch immer für ein ausverkauftes Haus sorgt. Das mag wohl die Mischung aus Theater, Livemusik und Jahrmarktsatmosphäre sein, die man im Volkstheater in Bertolt Brechts Dreigroschenoper bewundern darf.

Polly Peachum (Sybille Lambrich) ist wirklich gut geraten. Also, dafür, dass sie die Tochter von Bettlerkönig Jonathan Jeremia Peachum (Stefan Ruppe) und seiner vornamenlosen Göttergattin Frau Peachum (Ursula Maria Burkhart) ist. Die Peachums haben sich eine Dynastie zusammengezimmert, die darauf baut, gesunde Arbeitswillige als Krüppel zu verkleiden und das dadurch erbettelte Geld einzustreichen. Keine allzu netten Mitmenschen, aber Polly ist ein wirklich liebreizendes Mädchen. Zumindest so lange, bis sie sich Hals über Kopf in Londons gefährlichsten Verbrecher Mackie Messer (Pascal Fligg) verliebt. Der hat nicht nur einen schlechten Einfluss, sondern gehört auch umgehend an den Galgen, finden die Eltern. Doch dank des korrupten Polizeichefs Brown (Tobias van Dieken) gestaltet sich das mehr als schwer.
 
Foto: Arno Declair

Zusammen mit Kurt Weills ewigen Ohrwürmer (”Und der Haifisch…der hat Zääähne!”), spontanen Messerwurf-Einlagen und den grotesk bis burlesk anmutenden Kostümen der Schauspieler gestaltet sich die Inszenierung so locker wie amüsant. Auch dass Christian Stückl die renommierte Alien Combo als musikalischen Untersatz auserwählt hat, trägt zur revuehaften Grundstimmung des Stücks bei. Es wird gesoffen, gefressen, gesungen und gefeiert, die leichten Mädchen stellen ihre (Plastik-)Brüste zur Schau und für das Ende sieht der gute Bertolt Friedefreudeeierkuchen vor. Schöner geht’s kaum.

Und obwohl dieses Talent bei Weitem nicht jedem Schauspieler vergönnt ist, überzeugen auch alle mit ihren Gesangskünsten. Dass Pascal Fliggs sonore Sprechstimme auch einen guten Tenor hergibt war sowieso klar, Sybille Lambrich zwitschert meisterhaft ihr Liebeslied und Xenia Tiling als Spelunkenjenny schnurrt uns mit ihrer rauchigen Stimme um den Verstand. Es ist ein großartiges Ensemble. Und auch wenn der Text zwischendurch etwas eingerostet erscheint, so camouflieren die zahlreichen Gags die kleinen Unsicherheiten ohne Mühe. Das Volkstheater ist, was den Spaßfaktor der Improvisation bei Texthängern angeht, sowieso ungeschlagen. Unbedingt anschauen!

Regie:
Christian Stückl
Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier
Musikalische Leitung: Micha Acher
Orchester: Alien Combo