Dienstag, 13. Mai 2014

Ist das Kunst oder kann das weg?

Was letztendlich dabei herauskommt, wenn man eine fantastische Erzählung Kafkas als vierstündiges Hammerstück auf die Mini-Bühne des Rationaltheaters bringt, können wir nur erahnen. Länger als bis zum Ende des ersten Aktes haben wir nämlich nicht durchgehalten.

  


Warum genau möchte man eine Erzählung inszenieren, deren Hauptteil so verschwurbelt und ja, kafkaesk ist, dass man nicht einmal mit Hollywoods Super-Special-Mega-Effects eine auch nur ansatzweise solide Darstellung erreichen könnte? Sicher, einiges klingt noch ganz realistisch: Es beginnt damit, dass ein namenloser Erzähler in einem Prager Café auf einen Unbekannten trifft. Man tauscht sich über Liebeleien aus, beschließt letztendlich, einen Spaziergang zum Laurenziberg zu machen. Dann wendet sich die Erzählung komplett in Richtung Fiktion: Der Unbekannte wird als Reittier benutzt und den Geiern überlassen, ein unglaublich fetter, buddhaähnlicher Mann tritt auf und erklärt dem Erzähler, dass ihn die Landschaft störe, am Ende kann sich der Erzähler aus irgendeinem Grund körperlich verändern.

Der Text ist eigentlich ganz angenehm zu lesen. Natürlich bietet er auch zahllose interpretatorische Ansätze, “Es wird ein Kampf zwischen widerstreitenden Lebenskräften beschrieben”, heißt es in Wikipedia. Der Dualismus zwischen Erzähler und Unbekanntem, dem Dicken und dem Beter, ebenfalls einer Nebenfigur, ist einleuchtend.
Aber was passiert da auf der Bühne? Eingerahmt in ein zirkusähnliches Ambiente schwankt die Inszenierung zwischen Nacktheit, Lärm und Folter – die musikalische Untermalung durch einen jungen Herrn am Keyboard mit bemerkenswert unangenehmer, weil schiefer Singstimme, lässt einen mehr als einmal schmerzhaft zusammenzucken. Da helfen auch seine beiden Sidekicks, ein Mädchen am Cello und ein Kontrabassspieler, beide doch recht gut, nichts mehr. Die sich anfangs barbusig den Rücken geißelnde Dame zieht sich ein rotes Dompteurenjackett an und beginnt, während sie mit freundlicher Stimme Kafkas Text rezitiert, ein “Äffchen” mit Peitschenschlägen und schikanierenden Späßchen zu traktieren. Zwischendurch erschießt sie kurz den Keyboarder, der nach kurzer Zeit leider wieder weiterspielt und -singt, während im Hintergrund verstörende Videos von einer nackten, gefesselten, einen verschneiten Berg hochsteigenden Frau gezeigt werden.

Der eineinhalb Stunden andauernde, erste Akt (von drei) bietet zwar einige witzige Gags, die aber so oft wiederholt werden, dass sie nur noch peinlich wirken, und bietet auch nach intensivem Nachdenken keinen interpretatorischen Ansatz, der dieses Chaos auf der Bühne rechtfertigen könnte. Wobei, der Regisseur Dominik Frank (fun fact: er hat sein Studium der Theaterwissenschaft mit einer Arbeit über “Nacktheit auf der Bühne” beendet, welch Zufall!) hat sich bestimmt so einiges dabei gedacht. Sind wir zu konservativ? Zu kleingeistig? Zu sehr an “angenehmem” Theater interessiert? Wir werden es nie erfahren. Aber eines kann man wohl mit Recht behaupten: Erst wenn man Frank Castorf heißt, kann man dem Publikum problemlos vier-und mehrstündige Bühnenadaptionen (siehe “Reise ans Ende der Nacht” im Residenztheater) hinklatschen und trotzdem bejubelt werden.

Nichtsdestotrotz muss an dieser Stelle doch die schauspielerische Leistung der Darsteller/Performer Lisa Oertel, Anne Roemeth und Clara Becker-Jostes (letztere leider im ersten Akt nur in einem Video aufgetreten) gewürdigt werden. Nicht nur, dass diese Art der Selbstaufgabe auf einer Bühne immer großen Mut erfordert, auch der schiere Berg an Text (allein im ersten Akt! Madre mia!) wird wirklich gut bewältigt und die Hingabe, mit der gespielt wird, ist beachtlich. Dennoch wäre das Schauspieltalent der Beteiligten in sinnvolleren Inszenierungen besser aufgehoben.

Wer trotzdem den Kampf wagen will, hat noch mehrmals die Chance dazu: am 21. und 22. Mai, sowie am 04., 05. und 6. Juni. Wer weiß, vielleicht wird das Ganze ja noch besser? Wer es bis zum Ende durchhält, möge doch bitte eine kurze Zusammenfassung in Form eines Kommentars hinterlassen, damit wir uns nicht für immer in Unwissen wiegen müssen.

Regie: Dominik Frank
Dramaturgie: Ayna Steigerwald 
Bühnenbild/Raumkonzept/Video/Kostüm: Lars Altemann, Kalas Liebfried, Stefan Natzel

Eine Produktion des Rationaltheater München e. V. in Zusammenarbeit mit RegieAlsFaktor & Collectif L’Homme révolté.

Donnerstag, 1. Mai 2014

Wein, Weib und Gesang

Es ist schon bezeichnend, wenn ein Stück seit drei Jahren erfolgreich läuft und noch immer für ein ausverkauftes Haus sorgt. Das mag wohl die Mischung aus Theater, Livemusik und Jahrmarktsatmosphäre sein, die man im Volkstheater in Bertolt Brechts Dreigroschenoper bewundern darf.

Polly Peachum (Sybille Lambrich) ist wirklich gut geraten. Also, dafür, dass sie die Tochter von Bettlerkönig Jonathan Jeremia Peachum (Stefan Ruppe) und seiner vornamenlosen Göttergattin Frau Peachum (Ursula Maria Burkhart) ist. Die Peachums haben sich eine Dynastie zusammengezimmert, die darauf baut, gesunde Arbeitswillige als Krüppel zu verkleiden und das dadurch erbettelte Geld einzustreichen. Keine allzu netten Mitmenschen, aber Polly ist ein wirklich liebreizendes Mädchen. Zumindest so lange, bis sie sich Hals über Kopf in Londons gefährlichsten Verbrecher Mackie Messer (Pascal Fligg) verliebt. Der hat nicht nur einen schlechten Einfluss, sondern gehört auch umgehend an den Galgen, finden die Eltern. Doch dank des korrupten Polizeichefs Brown (Tobias van Dieken) gestaltet sich das mehr als schwer.
 
Foto: Arno Declair

Zusammen mit Kurt Weills ewigen Ohrwürmer (”Und der Haifisch…der hat Zääähne!”), spontanen Messerwurf-Einlagen und den grotesk bis burlesk anmutenden Kostümen der Schauspieler gestaltet sich die Inszenierung so locker wie amüsant. Auch dass Christian Stückl die renommierte Alien Combo als musikalischen Untersatz auserwählt hat, trägt zur revuehaften Grundstimmung des Stücks bei. Es wird gesoffen, gefressen, gesungen und gefeiert, die leichten Mädchen stellen ihre (Plastik-)Brüste zur Schau und für das Ende sieht der gute Bertolt Friedefreudeeierkuchen vor. Schöner geht’s kaum.

Und obwohl dieses Talent bei Weitem nicht jedem Schauspieler vergönnt ist, überzeugen auch alle mit ihren Gesangskünsten. Dass Pascal Fliggs sonore Sprechstimme auch einen guten Tenor hergibt war sowieso klar, Sybille Lambrich zwitschert meisterhaft ihr Liebeslied und Xenia Tiling als Spelunkenjenny schnurrt uns mit ihrer rauchigen Stimme um den Verstand. Es ist ein großartiges Ensemble. Und auch wenn der Text zwischendurch etwas eingerostet erscheint, so camouflieren die zahlreichen Gags die kleinen Unsicherheiten ohne Mühe. Das Volkstheater ist, was den Spaßfaktor der Improvisation bei Texthängern angeht, sowieso ungeschlagen. Unbedingt anschauen!

Regie:
Christian Stückl
Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier
Musikalische Leitung: Micha Acher
Orchester: Alien Combo

Montag, 28. April 2014

Kafkaeskes Teufelsrad

Mit Der Prozess füllt Andreas Kriegenburg seit fast sechs Jahren regelmäßig die Kammerspiele, endlich ist die mittlerweile zum Klassiker avancierte Inszenierung wieder dort zu sehen.
Kafka ist durchaus nicht jedermanns Sache. Trotzdem wird niemand an der Geschichte des Josef K., dem ohne Grund der Prozess gemacht wird, vorbeigekommen sein. Danke, Deutschunterricht.
Es ist eigentlich eine recht simple Idee: Josef ist Prokurist in einer Bank und wird am Morgen seines 30. Geburtstages noch im Nachthemd von zwei Wächtern festgenommen. Von nun an dreht sich die ganze Geschichte um diese Situation, wobei nie klar wird, ob es tatsächlich einen Prozess gibt; vielmehr verstrickt sich K. immer mehr in seine Überlegungen und Vorstellungen, was mit ihm passieren könnte. Sein Verständnis des Rechtssystems, in dem er zu leben glaubte, wie auch die wenigen Beziehungen zu seinen Mitmenschen, werden nach und nach zerstört. Dieses Einzelschicksal, das so erschütternd wie seltsam ist, endet mit seiner Ermordung. Bis zum Ende wird K. keine Ahnung haben, weshalb er angeklagt wurde.
Ein mutiger Zug, diesen fragmentarischen Roman Kafkas als Bühnenstück darzubieten. Doch es ist auch eindeutig dem Bühnenbild zu verdanken, dass diese Inszenierung so gelungen ist. Dieses, übrigens ebenfalls von Kriegenburg selbst entworfen, besteht aus einer in jeglichen Winkel dreh- und wendbaren Scheibe, an der Mobiliar festgeschraubt ist, sodass der Zuschauer wie aus der Vogelperspektive auf das Geschehen blicken kann (siehe Bild).


Ein Kraftakt für die Darsteller, denn die müssen einen festen Stand – beziehungsweise Sitz – einnehmen, um nicht von diesem kriegenburg’schen Teufelsrad zu rutschen. Aber nun wissen sie, wie es ist, in einem Bett zu liegen, während dieses senkrecht an einer Wand befestigt ist. Oder im 90°-Winkel auf einem Stuhl zu sitzen. Ein Erlebnis für alle Beteiligten.
Auch die Aufteilung der Figuren ist brillant umgesetzt. Statt fester Rollen springt der Text zwischen den Schauspielern hin und her, so sieht man letztendlich mindestens zwei Josef K.s, einen in vogelperspektivischer Position auf dem Rad und einer im normalen Stand auf der Bühne. Die spärlichen Auftritte diverser Frauenfiguren werden durch das Anziehen eines Kleides konstatiert, dennoch behalten alle DarstellerInnen ihr einheitliches Kostüm an: Anzug, glatte Frisur mit Seitenscheitel und dünner Schnurrbart. Es ist eine Mischung aus Einheit und Unterschied, aus Traumwelt und Realität, eine Inszenierung, die sich, ganz wie Kafkas Roman, dem Verständnis immer wieder entzieht und, das muss man zugeben, bisweilen viel Konzentration benötigt.


Die schauspielerische Leistung ist herausragend, selten gab es ein Ensemble, das so aufeinander eingespielt war. Kammerspiele-Urgestein Annette Paulmann glänzt mit einem fast zwanzigminütigen, wasserfallartigen Monolog und vermag es tatsächlich, damit nicht zu langweilen, und die leider mittlerweile nicht mehr fest angestellte Katharina Marie Schubert verleiht K.s Nachbarin, Fräulein Bürstner, eine zarte Weiblichkeit, die auch der obligatorische Oberlippenbart nicht zerstören kann.
Leicht verdaulich ist der dreistündige Abend sicher nicht. Aber dennoch ein Genuss, sowohl für Kafka-Fans, als auch für die Kafka-Skeptiker unter uns. Da geht man dann doch lieber hin als zum Deutschunterricht.


Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg
Kostüme: Andrea Schraad
Dramaturgie: Matthias Günter
Informationen und Spielplan unter www.muenchner-kammerspiele.de

Donnerstag, 17. April 2014

Leberkas statt Lebenslust

Es ist wieder einmal eine heimliche One-Woman-Show, die man im Werkraum der Kammerspiele sieht – diesmal jedoch ist die Inszenierung über jeden Zweifel erhaben. Susn von Herbert Achternbusch lässt eine wandelbare Brigitte Hobmeier zur Höchstleistung auflaufen.

So fängt der Theaterabend doch gut an. Frau Hobmeier läuft herum und verteilt Leberkas (oder “Leberkäääseee”, wie sie spöttisch wiederholt) an die hungrigen Zuschauer während Edmund Telgenkämper in Ruhe sein Bier trinkt. Die Stärkung wird nötig sein, wie man im Laufe des Abends bemerkt. Denn das, was uns die rothaarige Schauspielerin und ihr Sidekick in diesen eineinhalb Stunden präsentieren, ist alles andere als leichte Kost.

Das Leben von Susanne, oder Susn, wie sie alle nennen, ist zornerfüllt, radikal und einsam. “Ich wollte nicht länger in der Gemeinschaft derer bleiben, von denen ich weiß, dass ihr Glaube nur eine Kopfhaltung ist”, beichtet sie mit 17 dem Pfarrer und erklärt ihm ihren Wunsch, aus der Kirche auszutreten. Zunächst hadert sie mit der Religion, dann, zehn Jahre später, mit ihrem Leben als Studentin und ihrer Umwelt. Während eines Gewitters brüllt sie ihren Schmerz in den Donner.

Brigitte Hobmeier. Foto: Arno Declair


Weitere zehn Jahre später. Susn ist mittlerweile mit einem Schriftsteller verheiratet, der sie mit seiner Nichtbeachtung und seinem Desinteresse an die Grenzen der psychischen Belastbarkeit treibt. “Du bist nur Eis”, schreit sie ihn an, während er regungslos vor seiner Schreibmaschine sitzt und das Leben seiner Ehefrau zu Stoff für seine Bücher verwertet. Sie hübscht sich auf, sie beschimpft ihn, sie berichtet von einer Affaire mit dem Gastarbeiter, doch er steckt sich nur eine Zigarette an. Das Klappern der Tasten dröhnt in die Stille hinein.

Nochmals zehn Jahre später. Susn ist gebrochen, schnapsbewaffnet sitzt sie in der Kirche und spricht zu Gott. Die Veränderung ist grotesk. Die bildhübsche Brigitte Hobmeier hat sich in wenigen Minuten zur gescheiterten, siebzigjährigen Susn verwandelt, die mit Strickjacke und Plastikregenschutzhut das Resümee ihres Lebens zieht. Es ist Schauspielkunst par excellence, die man im Werkraum bewundern darf. Und der Zyklus des Scheiterns geht unter die Haut. Mit wenigen Mitteln und einer atemberaubenden Schauspielerin hat Regisseur Thomas Ostermeir das Bild einer Frau gezeichnet, die mit den Regeln der Gesellschaft nicht zurechtkommt und trotz allen Widrigkeiten ihren Weg verfolgt. Weil am Ende nur noch Gott selbst da ist, vor dem sie sich rechtfertigen muss.

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Nils Ostendorf
Video: Sebastian Dupouey
Dramaturgie: Julia Lochte

Bloody Shakespeare

Dass Shakespeare nicht nur aus säuselnden Romeos und sabbernden Julias besteht, sondern auch viel Raum für Versautes lässt, ist den Wenigsten bekannt. Beim Sommernachtstraum im Residenztheater finden Nymphomanie, Leidenschaft und literweise Kunstblut zu einer wunderbar lustigen, schweinischen und doch sehenswerten Inszenierung zusammen.



Heimliche Hauptdarstellerin ist Andrea Wenzl als die allen Männern den Kopf verdrehende Hermia. Sie liebt ihren Lysander (Michele Cuciuffo), was ihrem Vater Egeus (Götz Argus) jedoch gar nicht gefällt. Er hält Demetrius (Norman Hacker) für die beste Wahl; letzterer ist auch ganz vernarrt in die schöne Hermia. Was wiederum deren beste Freundin Helena (Britta Hammelstein) zur Verzweiflung bringt, denn sie ist unsterblich verliebt in Demetrius.
Lysander und Hermia fliehen in den Wald, wo die Herrscher des Elfenreichs Titania (Sibylle Canonica) und Oberon (Götz Schulte) sowie dessen Gehilfe Puck (Oliver Nägele) einen heftigen Streit austragen. Erfüllt von Hass, bringt Oberon ein Liebeszaubermittel ins Spiel, das sämtliche Beteiligten in Verwirrung stürzt.

Dieses Mittelchen, auf der Bühne als blutfarbene, dickflüssige Substanz dargestellt, wird fröhlich herumgespritzt und verwandelt die Betroffenen in sexgeile Zombies. Wer etwas von der Schmiere abbekommt, fängt mindestens an, sich in der Hose herumzugrabbeln, die meisten jedoch entledigen sich gleich ihrer Kleidung und wanken stöhnend, starrend, liebestoll auf der Bühne herum. The Walking Dead in der Shakespeare-Edition sozusagen. Der Witz dabei: Man kann es sich trotzdem gut ansehen! Selbst die ältere Generation amüsiert sich königlich. Möglicherweise gab es in den letzten Jahren auch einfach schon zu viel Nacktheit auf Münchens Bühnen, um davon noch abgestoßen zu sein. Auf jeden Fall ist Michael Thalheimers Interpretation ein Hochgenuss, die schweren Verse fliegen leicht wie die Blumen der Elfen, ein Gag jagt den nächsten und die Schauspieler präsentieren sich ohne Scham und in Höchstform. Weiß der Teufel, warum diese fantastische Inszenierung nach der Premiere als “Sommerschocker” (Abendzeitung) betitelt wurde und man von ohnmächtig werdenden Besuchern hörte. Dies ist Shakespeare, wie er sein sollte. Voller Magie, Leichtigkeit und einer großen Portion Witz.

Ein letztes Mal wird das Residenztheater den Sommernachtstraum noch zeigen; Karten dafür gibt es voraussichtlich ab Mai.

Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Michaela Barth
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Sebastian Huber

Freitag, 11. April 2014

Blurred Lines - Regisseur Saar Székely im Interview


Mit The Lottery testete der israelische Regisseur Saar Székely, 29, die Grenzen des freien Willens aus - heute lässt er sich ganz freiwillig interviewen.
Gekürzt und bestmöglich aus dem Englischen übersetzt.

Welche Inspiration hattest du für The Lottery?

Die Kurzgeschichte The Lottery in Babylon des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges. Sie beschreibt, grob gesagt, eine Gesellschaft, in der alles von der genannten Lottery ausgeht. Das Interessante daran ist, dass die Lottery eine neutrale Instanz darstellt; sie wird weder als positiv, noch als negativ empfunden. Das war uns auch beim Projekt wichtig. Wir wollen nicht manipulieren, oder gar bestrafen. Es ging uns vor allem darum, einen Raum zu schaffen, in dem man frei von Identität und sozialem Status ist, um unvoreingenommen miteinander agieren zu können. To free people from identity.
Oft sagen mir die Teilnehmer auch, dass sie das Gefühl hätten, überwacht oder gefilmt zu werden. Das ist aber nicht wahr. Die erste Regel des Projekts lautet: Es wird nichts dokumentiert. Keine Fotos, keine Videos. Es würde den Moment zerstören. Dieses Interview stellt auch nur eine Ausnahme dar, weil The Lottery in München schon vorbei ist (lacht).

Welchen Zweck hatten die Interviews vor dem eigentlichen Projekt? Und warum musste man so intime Details preisgeben?

Ich sehe die Interviews als pre-performance. Die Interviewer selbst waren also eigentlich auch Performer. Zunächst hatten die Fragen natürlich den Zweck, dich auf das Folgende vorzubereiten.

Hat gut geklappt. Aber warum so seltsame Fragen?

Naja, es ging viel um Selbstreflektion, daher zum Beispiel die Frage, was deine größte Angst ist. Oder, was dein fünfjähriges Ich zu deinem heutigen Ich sagen würde.
Besonders spannend ist natürlich auch die Rolle des Interviewers. Er oder sie befindet sich in einer sehr sensiblen und verletzbaren Position. Vor allem durch die "Würdest du mit mir schlafen, ja oder nein"-Frage. Schon deswegen bin ich den Interviewern sehr dankbar, dass sie mitgemacht haben.

Siehst du The Lottery eher als ein künstlerisches, oder als ein politisches Projekt?

Das ist eine verdammt schwere Frage. Ich will eigentlich keines von beiden verneinen (lacht). Aber Kunst ist eine Form der Äußerung, die genutzt werden kann, um politische Vorgänge zu hinterfragen. Art is also an excuse. Wobei ich hier nochmals betonen muss, dass wir nichts im Sinne von Orwell's 1984 veranstalten wollten. Wir befinden uns auch hier in München in einer sehr speziellen Situation.

Warum speziell?

In Israel kennen mich viele Leute. Sie wissen, was sie erwartet, wenn sie zur Lottery gehen. Ich hatte schon Teilnehmer, die fünf, sechs Mal dabei waren, die praktisch süchtig nach dieser Identitätsaufhebung sind. Hier kaufen sich die Menschen ein Ticket und erwarten vielleicht eine klassische Theateraufführung. Da ist natürlich eine ganz andere Präsenz zu erwarten, als wenn ich das in Israel aufführe.

Ich habe von über zwölf Stunden andauernden Lottery's gelesen.

Ja, das geht aber wirklich nur, wenn wir den Teilnehmern vorher genau erklären, dass sie in dieser Situation anders agieren müssen. So sagt der Computer beispielsweise, wann man sich schlafen legen soll und so weiter. Dazu gehört eine Menge Vertrauen in den Veranstalter. Sowas wäre in München nicht machbar.

Denkst du, dass man nach The Lottery anders über seine Identität denkt?

Ich kann nur von mir reden, und mein Leben hat die Lottery definitiv verändert. Man nimmt sich und die Rolle, die man in der Gesellschaft spielt, ganz anders wahr. 

Als ich Teilnehmer war, gab es wirklich nur sehr einfache Aufgaben. Was war das Schlimmste, was man machen musste?

Wir haben, besonders in Israel, einfach Anweisungen eingebaut, bei denen wir sicher waren, dass die sowieso niemand befolgen würde. Einer der tollsten Momente bei der Lottery ist sicherlich, wenn du eines besseren belehrt wirst und einer der Teilnehmer einfach mitmacht.

Da gab es zum Beispiel eine Inszenierung in Tel Aviv, bei der der Computer die Anweisung gab, in einem abgetrennten Raum zu masturbieren und dabei laut die israelische Nationalhymne zu singen. Der Kerl hat das wirklich gemacht. Und das, obwohl die Nationalhymne sozusagen ein internes Heiligtum darstellt. Das war schon ziemlich nice.

(Anmerkung: Saar Székely vertritt offen eine sehr kritische Haltung gegenüber Israel, was in seinem Heimatland als tief beleidigend empfunden wird. Nach einer Diskussion im Fernsehen, bei der er offen die Außenpolitik kritisierte, wurden ihm vier Bodyguards zugewiesen, um ihn vor etwaigen Anschlägen zu schützen.)


Bekommt ihr in irgendeiner Weise finanzielle Unterstützung?

Nein. Israel ist wirklich die Hölle für Künstler. Diejenigen, die davon leben wollen, müssen international auftreten. Aber in Israel sind die Menschen auch irgendwie...more supportive. Wir konnten in eine Bar oder Galerie gehen, denen unser Projekt erklären und hatten sofort ihr Interesse geweckt und konnten einen ihrer Räume benutzen. Deswegen war das alles nicht besonders schwierig, finanziell gesehen. Ich glaube, in München ginge das nicht so einfach.

Wirst du bald ein neues Projekt starten?

Ich denke tatsächlich an eine Single-Performance-Show. Auf einer Bühne. Dabei hasse ich das Theater! Das Spielen einer Rolle liegt mir nicht. Ich habe mich immer selbst als performendes Subjekt gesehen. Aber ich habe einige interessante Ideen.

Wäre es wichtig für dich, den Publikumspreis zu gewinnen?

Das ist lustig, weil ich, als ich herkam, noch gar nicht wusste, dass das ein Wettbewerb ist! Eigentlich ist es mir ziemlich egal. Ich würde mich natürlich über das Geld freuen. Ich will dich nicht anlügen, ich mag Geld. Man kann so viele schöne Dinge damit machen. Leben, zum Beispiel.

Das Interview dauerte fast drei Stunden, daher waren extreme Kürzungen notwendig. Um mehr über Saar und seine Projekte zu erfahren, hier seine Website:
http://www.saarszekely.com/


Donnerstag, 10. April 2014

Fangirl overload

Bevor es mit den nächsten Reviews weitergeht..
Eyal Weiser hat meinen Artikel auf seine Facebookseite gepostet.
Der Eyal Weiser.
Ich dreh so ab.