Donnerstag, 10. April 2014

OBEY

Zwei Räume. Zwanzig Personen. Und eine Computerstimme, die alles und jeden beherrscht. The Lottery, ein israelisches Sozialexperiment, lässt die Grenzen des freien Willens verschwimmen.

Das Wunderbare an Radikal Jung 2014 ist ja, dass man dadurch Sachen zu sehen bekommt, für die man ansonsten mindestens nach Berlin fahren müsste. Dass Dinge gewagt werden, die so ungewöhnlich sind, dass ein normales Münchner Theater um seine Stammkundschaft bangen müsste. Aber das Volkstheater beweist wieder einmal, wie aufgeschlossen und experimentierfreudig es ist.
 
The Lottery findet nicht auf dem Festivalgelände statt, sondern in Nähe der Theresienwiese am Bavariaring. Zunächst wird man in den zweiten Stock geführt und an einen Interviewer verwiesen. Was dann folgt, verwirrt erst einmal gründlich. Denn neben Alter, Gewicht und sexueller Präferenz darf man Fragen wie: “Was ist deine größte Angst?” und “Was würde dein Kinder-Ich über dich heute sagen?” beantworten und dann entscheiden, ob man lieber sich selbst, oder den Interviewer tötet. Oh-Kay.
lo

Der Strom der Kuriositäten reißt nicht ab. Ich gebe meinen Fragebogen bei einem israelischen Kerl ab, der, wie ich später erfahre, der Regisseur Saar Székely ist, und bekomme einen Stempel aufgedrückt. Und zwar auf meine Stirn. Dann klebt er mir eine Nummer auf meine Jacke (41) und erklärt mir, das Symbol des Stempels sei der erste Buchstabe im hebräischen Alphabet, Aleph. Ich solle mir den Klang merken.
Dann wird noch eine gute dreiviertel Stunde gewartet, es sollen schließlich alle diese Prozedur durchlaufen. Neben Aleph gibt es noch Beth und Gimel. Nach welchem Prinzip die Buchstaben und Nummern verteilt werden, weiß kein Mensch.

Es geht los. Wir werden in zwei Gruppen zu je ca. 20 Leuten eingeteilt, und in einen Raum geführt. Main Hall verkündet ein Zettel an der Wand. Es gibt auch eine kleine Küche mit Mini-Buffet und einem Kühlschrank, randvoll mit Vodka, Bier und Limo. Er wird sich schnell leeren. Auf einem Tisch: Ein Macbook. Verstärkt durch Lautsprecher spricht eine Damenstimme zu uns.

Welcome to The Lottery. I will be the highest authority in this room for the next few hours. I kindly request you to remember your duty to obey.

Saar Székely.
Saar Székely.

Wir tun, was sie sagt. Unsere Nummern werden aufgerufen, eine Anweisung erscheint auf dem Laptop, die es zu erfüllen gilt. Anfangs sitzen fast alle leicht panisch herum und haben Angst, etwas Schlimmes tun zu müssen. Nach fünfzehn Minuten haben wir verstanden, dass wir alle im selben Boot sitzen und niemand ausgelacht wird, wenn er sich zum Affen machen muss. Man plaudert also, mit Menschen, die man sonst nie getroffen hätte, schlürft sein Astra und achtet auf den Moment, in dem The Lottery die eigene Nummer aufruft. Es ist ein seltsames Spiel. Und man hinterfragt die Autorität des Computers nicht. Man macht einfach. Weil es Anweisung ist.

Und trotz der Festivalzeitung, die gefährliche Anspielungen auf furchtbare Aufgaben machte, bleibt der Abend in dieser Hinsicht unspektakulär. Ich umarme Nummer 42 gleich zweimal, gewinne im Armdrücken gegen Nummer 51 und beschimpfe Nummer 47. Man stellt sich teilweise auch vor, spricht sich aber im Zweifelsfall nur mit den Zahlen auf dem Aufkleber an.

Nach der ersten Stunde ist irgendwie die Luft raus. Einige Leute brechen verfrüht ab, die Illusion, eine geschlossenen Gruppe im totalitären Raum der Lottery zu sein, zerbricht. Schon deswegen, weil nun Personen zu den Nummern fehlen, die irgendwie agieren könnten. Einige fassen sich ein Herz und laufen ab jetzt mit zwei Nummern auf der Brust herum. Das Experiment entwickelt sich immer mehr zu einer Studentenparty, Bier und Vodka fließen in Strömen. Ab und zu wird man um Geld angebettelt, darf Ohrfeigen austeilen oder tanzen. Aber so richtig ernst nimmt es irgendwann keiner mehr.
Um tatsächlich einen totalitären Raum zu schaffen, müsste man Dinge vornehmen, die höchstwahrscheinlich so schlichtweg nicht machbar sind, weil sie Persönlichkeitsrechte verletzen und/oder illegal sind. Dennoch hinterlässt The Lottery mehr als nur einen verschmierten Stempel und einen Kater am Morgen danach: Die Erkenntnis, dass man nicht gegen Manipulation und Gruppendynamik gefeit ist. Und den bedrückenden Eindruck, dass eine echte, wahre Diktatur in unserer heutigen Gesellschaft viel einfacher zu bewerkstelligen wäre, als man vermutet.

Saar Székely und seine Autorin Keren Sheffi haben etwas Neues, Unvergleichbares in die Welt der Performance gesetzt. Etwas, das zugleich sozial, psychoanalytisch und kommunikationsfördernd ist. Letzteres ist in der heutigen Zeit der Smartphonedaddler ganz besonders herausragend. Irgendwie ist der Zwang zum Reden ja fast schon nötig. Gestern stand niemand mit seinem Handy da. Die musste man nämlich ausschalten.

Montag, 7. April 2014

Project ALEA #2

07.04.2014, 17:00
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“We’ll start with a warmup.” sagt die Lottery mir. Draußen essen soll ich also. Kein Problem. Mittags gab’s nur ne Breze, die ich in der U-Bahn mampfte, und mittags setzte ich mich mit meinem Nudelteller einfach auf die Bank gegenüber meiner Wohnung. Ich klicke DONE an.
Die nächste Aufgabe ist es, ein YouTube-Video zu finden, was weniger als 100 Klicks hat, und es an jemanden weiterzuschicken. Nachdem ich die Filtereinstellungen entdeckt habe, finde ich tatsächlich ein Video, was keinerlei Aufrufe hat. Ob das daran liegt, dass es erst vor einer knappen Stunde hochgeladen wurde, oder weil es 25 Minuten lang jemandem beim Minecraftspielen zeigt, sei mal dahingestellt. Ich schicke es brav weiter und betätige – seltsamerweise erleichtert – den DONE Button.
Da poppt auch schon die nächste Quest auf.

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Ihr wollt mich doch verarschen, denke ich mir. Wenn sie mir auch noch den Kaffee streichen wollen, streike ich. Aber ich hab gerade eh keine Zigaretten mehr, also ist die Versuchung im Moment nicht wirklich gegeben. 24 Stunden,das wäre bis 17:15 morgen. Halt ich durch. Wollte ja eh mal wieder aufhören, höhö. Irgendwie komisch, dass man wirklich versucht, diese willkürlichen Aufgaben zu erfüllen. Was wohl passiert, wenn ich versage?

Sonntag, 6. April 2014

RADIKAL JUNG // This Is The Land

Performance hoch drei 

 

Wie jedes Jahr öffnet das Volkstheater seine Pforten und ermöglicht eine Woche lang aufstrebenden Regisseuren, ihre Inszenierungen zu präsentieren.
Heute: This Is The Land, ein Projekt von Eyal Weiser.
Gleich vorweg: Dies ist keinesfalls ein klassisches Bühnenstück, vielmehr eine Performance von drei - Achtung, special - fiktiven Künstlern. Im Mittelpunkt steht Israel, der Zionismus, und die nationalen und internationalen Probleme, mit denen das Heilige Land zu kämpfen hat. Die Darsteller simulieren ein fiktives Regiefestival; eine Reaktion auf den Zionist Creation Award. Dieser vom israelischen Ministerium ausgesetzte Preis forderte israelische Künstler dazu auf, ihre Ansichten der zionistischen Werte darzustellen und wurde von Anfang an heftig kritisiert. Zionismus, so die Gegner, sollte nicht als künstlerisches Kriterium gelten dürfen. Aus diesem Grund wurde This Is The Land - The Zionist Creation Rejects' Salon geschaffen - um uneingeschränkte künstlerische Freiheit garantieren zu können und "um das Konzept des Zionismus neu zu überdenken".



Die Bandbreite der Performances ist groß. Da ist Efrat Arnon, die Fakten über Israel und Tel Aviv und die Beziehung zu angrenzenden Ländern in den Raum wirft, während im Hintergrund sepiafarbene Ausschnitte aus "The Tourist", "The Hunger Games" und "Kung Fu Panda" laufen. Das ist die wohl am schwersten zu deutende Darbietung des heutigen Abends - wenn die Identität der Akteurin fingiert ist, stimmen dann auch die Aussagen nicht?

Sie erzählt von combat dolphins, die vom israelischen Militär trainiert werden, um Minen auf dem Meeresgrund zu finden, und einer koscheren Version von Schinken, die amerikanische Forscher den Bewohnern Tel Avivs verkaufen wollen. Viel dreht sich um das Wort fake. Fake Schinken, Fake Soldaten, Fake Zionismus. Als sie die Bühne verlässt, steht ein spürbares Fragezeichen im Raum.

Danach erzählt Ayala Opfer, ihr richtiger Name ist Natalie Fainstein, ihre Geschichte über die Nachbarin Esther. Esther ist ungefähr 80 und hat Schizophrenie. Ayala beobachtet sie monatelang, versucht, dem Grund der Erkrankung auf die Spur zu kommen. Immer mehr verstrickt sie sich in Vorstellungen über das vorherige Leben von Esther, simuliert ein Tagebuch, vermutet ein Holocaustdrama. Tiefer und tiefer verwickeln sich Ayalas Ideen eines kindlichen Traumas, ausgelöst durch die Nazis, bis sie am Ende erfährt, dass Esther nie vom Holocaust betroffen war. Sie versuchte schlichtweg, den Wahnsinn ihrer Nachbarin zu rechtfertigen, indem sie ihr eine, für Juden denkbare, Biographie aufzwang. "We feel the need to create fictional biographies to protect ourselves", sagt sie am Ende. Diese Aussage wirkt. Jeder scheint sich an eine Person zu erinnern, der man selbst ein Vorleben zuschrieb, was höchstwahrscheinlich so nie stattgefunden hat. Sei es der arbeitslose Alkoholiker an der Ecke oder das vermeintliche Flittchen mit dem Vaterkomplex.

Am Ende steht Netar Weiner, der nach einer eher unspektakulären Darbietung so poetische Zeilen raushaut, dass einem die Spucke wegbleibt, einen internen Poetry Slam hatte man tatsächlich nicht erwartet. Aber er trifft einen Nerv; seine Rhymes über die Möglichkeit, gemeinsam etwas anzupacken und die alte Feindschaft zu überwinden, enden in tosendem Applaus.
Netar Weiner.
Regisseur Eyal Weiser hat mit seinem Projekt etwas einzigartiges geschaffen: Völkerverständigung, ohne den Zeigefinger zu erheben, Kritik am eigenen Land, ohne radikal vorzugehen. Selbst wenn This Is The Land nicht den Publikumspreis gewinnen sollte, werden wir bald mehr von ihm sehen: seine neueste Inszenierung Nystagmus ist ab dem 03. Mai im Volkstheater zu sehen.

Regie: Eyal Weiser
Kostüme und Requisite: Tamar Levit
Bühnenbild: Yinon Peres
Musik und Lyrik: Netar Weiner

Samstag, 5. April 2014

Project ALEA #1

Ein soziales Experiment - Die Liveübertragung



Stell dir eine Welt vor, eine Welt, in der jede Rolle und jede Handlung wahllos bestimmt wird; eine Welt, in der alles vorgegeben wird; eine Welt, beherrscht von einer allumfassenden Lottery.
Das Project ALEA, welches im Laufe von Radikal Jung im Volkstheater gestartet ist, wird mich für eine Woche lang unterwerfen, unterbricht, stört, bereichert und verändert mein soziales Verhalten. Ein Live-Experiment.

06.04.2014, 01:00


"Hello july, and welcome to Project ALEA!"
Es geht also los. Ich gebe meine Handynummer an, damit ich die Anweisungen per SMS erhalten kann. Es gruselt mich ein bisschen. Ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommen wird. Es klingt irgendwie nach den Hunger Games, ich bin das Tribut. Die Website sagt, ALEA sei eine "public performance", die Teilnehmer sind gleichzeitig Zuschauer und Darsteller, jeder macht nur für sich und gleichzeitig auch für alle anderen mit. Der Computer, die Lottery, gibt jedem zufällig ausgewählte Anweisungen, die er oder sie dann befolgen muss. Zum Beispiel, in einer bestimmten Art und Weise zu gehen, zu sprechen, oder aber zu einem bestimmten Platz zu gehen, sich besonders anzuziehen, usw.
Ach du Schande, denke ich mir. Ich als kleiner Sozialphobiker soll mich seltsam verhalten? Vielleicht muss ich mich nur ein bisschen anders kleiden. Hoffe ich. Anderthalb Tage noch.

FORTSETZUNG FOLGT

Zu nett: "Ophelia" in den Kammerspielen

Marie Jung. Foto: Julian Baumann
Im Werkraum sind, ansteigend, einige Sitzbänke aufgebaut, dem Zuschauer gegenüber keine “wirkliche” Bühne, sondern ein Raum mit unverputzen Ziegelsteinen, einem Badezimmer auf einer Holzpalette und schweren, schwarzen Samtvorhängen, eine Hommage an den durch Shakespeare stets in ein tintenschwarzes Samtwams gekleideten Hamlet.

Das Premierenpublikum scheint nur aus Hustern und Raschlern und Schnäuzern zu bestehen. Marie Jung widmet sich jedem Einzelnen von ihnen, lächelt sie freundlich an und richtet ihre wenigen Worte direkt an sie. Sie ist Hamlets wenig beachtete Freundin, ein stilles, nachdenkliches Wesen, das meist beobachtet und nicht agiert. Jetzt aber berichtet sie.

Das Interessante dieser Inszenierung ist sicherlich das Unbehagen des Publikums, mit dem gespielt wird. Die ersten dreißig Minuten kann man sich nicht in die sonst übliche Jemand spielt – Ich sehe zu-Konstellation bequemen, das Licht ist sowohl auf die Darstellerin, als auch auf die Zuschauer gerichtet. Außerdem sind zwischen den gesprochenen Worten so viele Pausen, dass jedes Knarzen, jedes Hüsteln und jeder Atemzug unglaublich laut klingt, der Verursacher eines Geräuschs wird sich sofort selbst als Störenfried betrachten.
Nach einer halben Stunde: ein fingierter Stromausfall. Endlich ist es dunkel, man spürt förmlich, wie sich alle aus ihrer Starre erwachen und endlich alles erledigen können, was sie zurückgehalten haben, sei es ein Bonbon aus der Packung zu pfrimeln, der Raucherlunge ihren verdienten Hustenanfall zu können oder sich mit dem Nachbarn auszutauschen. Endlich wieder Zuschauer sein. Ophelia erzählt mit ihrer freundlichen, aber bestimmten Tonlage weiter über die Tragödie Hamlets und streut brav die bekannten Zitate wie “Es ist was faul im Staate Dänemark” und “Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage” ein. Dennoch kommt nie so richtig Spannung auf, vermutlich, weil Ophelia nie andere Emotionen als ihre hintergründige Freundlichkeit zeigt. Man wünscht sich fast, sie würde sich mal so richtig aufregen. Aber sie lächelt nur.

Marie Jung ist zweifelsohne ein zauberhaftes Persönchen, das trotz ihres jungen Alters eine Präsenz zeigen kann, von der manch anderer Schauspieler nur träumen mag. Dennoch reicht dies nicht aus, um Raum und Text auszufüllen. Die Idee ist gut, die Umsetzung ist es nicht. “Mehr Inhalt, weniger Kunst!”, wie es schon in Hamlet heißt.

Premiere am 03.04.2014
Regie: Kristof van Boven
Dramaturgie: Matthias Günter
Bühne und Kostüme: Sina Barbra Gentsch

Donnerstag, 3. April 2014

Grenzenlos: WestSideStory im Deutschen Theater

'www.deutsches-theater.de

Gangs N' Guns


Über ein halbes Jahrhundert ist Leonard Bernsteins amerikanische Romeo-und-Julia-Adaption nun alt, und trotzdem begeistert sie noch immer Tausende. Es ist Mittwoch Abend und halb München will WestSideStory sehen.
Die Liebesgeschichte zwischen Tony und Maria, die aus unterschiedlichen Ländern, Verhältnissen und Gangs stammen, hatte bereits 1957 ihre Uraufführung und gilt als eines der erfolgreichsten Musicals der Welt. Der Erfolg gründet einerseits auf der typischen Bernstein’schen Ohrwurmmusik (I Feel Pretty wird man nach der Aufführung natürlich nie wieder los), der ausgezeichneten, mitreißenden Choreographie von Broadway-Urgestein Jerome Robbins und der tragischen Story über das Überwinden von Grenzen zugunsten der Liebe. Die, wie man weiß, nicht besonders gut endet. Aber das ist den Besuchern egal, lullt man sich doch zu gern in Tonys Liebesschwüre und verträumte Gesänge über seine Liebste Maria ein, anzuhören hier.
Es gibt allerdings ein bisschen zu viel Hass in dieser Story, um tatsächlich zu glauben, dass die Liebe hält. Die zwei verfeindeten Gang, die Sharks und die Jets, bekämpfen sich seit eh und je, die Amis hassen die “PR’s”, die Puertoricaner, und die PR’s hassen die Amis. Die Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und fehlender Toleranz ist eigentlich ein so großes und wichtiges Thema, dass es erfreut, es so ausführlich in einem Musical behandelt zu sehen. Schlussendlich fordert die Rivalität ihr Opfer. Und ganz wie in der Shakespeare-Vorlage, stirbt Romeo in Julias Armen, erschossen. Was einen bitteren Beigeschmack angesichts der immer noch andauernden Waffendebatte in Amerika hat. Welch ein Ende für ein Musical. Der Liebste tot, die Gangs zerschlagen und weggesperrt, übrig bleibt nur eine trauernde Maria und der Sonnenaufgang über den Dächern von New York.
WestSideStory sollte eigentlich jeder einmal gesehen haben. Die Inszenierung im Deutschen Theater beeindruckt durch die Originalchoreographie, fantastische Sänger und, was im Musical tatsächlich nicht immer gegeben ist, schauspielerische Höchstleistung. Viel Applaus für das New Yorker Ensemble.

Link zu WestSideStory im Deutschen Theater 

Regie: Joey McKneely Musical Supervisor / Erster Dirigent: Donald Chan Bühnenbild: Paul Gallis Kostümbild: Renate Schmitzer

Dienstag, 1. April 2014

In your face: "Faust" im Volkstheater

Halt's Maul, Ulrike!

 

Lang, lang ist's her, da wurde ein junger Bonner, selbst ausgebildeter Schauspieler, vom Volkstheater als Gastregisseur engagiert, um Goethes Faust einen neuen Anstrich zu verpassen. Seit 2008 sind ein paar Jährchen vergangen, und Simon Solberg taucht immer noch im Volkstheater auf. Faust war nur der Anfang, danach folgten in kurzen Abständen Die Jungfrau von Orleans, Einer flog über das Kuckucksnest und zuletzt 2012 Moses - Ein Mash-up Musical. Wie gut, dass sich da eine deutliche Entwicklung im Regietalent zeigt.

Justin Mühlenhardt, Stephanie Schadeweg, Andreas Tobias, Jean-Luc Bubert | © Gabriela Neeb/VT München

Denn dieser Solberg'sche Faust ist vor allem eins: überladen. Die Einstiegsidee ist ja gut. Faust (Jan Viethen) ist der Leiter einer Forschergruppe im CERN, die sich auf die Suche nach der Formel, "die die Erde im Innersten zusammenhält", gemacht hat. Er verzweifelt immer mehr an sich selbst und verpasst es auch gefühlte fünfzig Mal nicht, vor dem Publikum über sein unnützes Studium der "Philosophie, Juristerei und Medizin / Und leider auch Theologie" zu jammern. Die Forschung steckt in einer Sackgasse, und Grete (Barbara Romaner) will ihn auch nicht.
Hilfe ist auf dem Weg. Erst als nackender Pudel, dann als Osama Bin Laden, schlussendlich sogar als gekreuzigter Jesus gibt Jean-Luc Bubert einen genüsslich Zitate salbadernden, hauptamtlichen Mephisto. Grete und Gollum haben offenbar gemeinsame Vorfahren, als sie ihr Verführungsgeschenk in Empfang nimmt, reißt sie es an sich und schreit "Mein Schatz!". Und es werden RAF-Witzchen eingebaut ("Halt's Maul, Ulrike!"). Der Zuschauer sieht sich einem wilden, ausgelassenen, schwer verständlichen Spektakel gegenüber, wobei der Großteil der Konzentration darauf verwendet werden muss, die eingebauten Anspielungen und Scherze zu so ziemlich jedem aktuellen Thema dekodieren zu können. Sogar Friedrich Liechtenstein ("Sehr sehr geil. Supergeil.") hat es in den Text geschafft.

Jan Viethen, Jean-Luc Bubert | © Gabriela Neeb/VT München

Die wenigen ruhigen Szenen gehen im vorherigen Klamauk leider völlig unter. Zu sehr ist man auf Witz und Wahnsinn fixiert, als dass man Mitleid mit der verlassenen Grete hat oder mit der Wimper zuckt, wenn sich Faust am Ende das Hirn rauspustet.
Die Bühne aber ist schlichtweg ein Meisterwerk. Mit Hilfe von Sebastian Hannak hat Solberg ein variabel verwendbares Kunstwerk aus Müll, Pflanzen und Styropor geschaffen, das die Darsteller in unendlichen Kombinationen auseinandernehmen, zusammenbauen und sogar anziehen können, eine "Recycling-Bühne" sozusagen.
Fazit: Wer sich sehr sehr wach fühlt und sich noch zusätzlich ein paar Dosen Energydrink mit in die Vorstellung nimmt, der dürfte größtenteils mitbekommen, was auf der Bühne abgeht. Einige Witze sind auch verdammt gut. Aber Goethefans dürfte das kalte Grausen ereilen und für die Ü40-Generation könnte alles ein wenig zu laut und zu chaotisch sein. Dann lieber in Moses - Ein Mash-up Musical gehen, der Inszenierung sieht man nämlich Solbergs vierjährige Reifezeit an.

Link zu Faust im Volkstheater

Premiere am 02.10.2008
Regie: Simon Solberg
Bühne und Kostüme: Sebastian Hannak